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  Nürtingen global
 
Reise nach Gambia - 10.3.2019
Nürtinger besuchen Herkunftsland vieler Flüchtlinge

  (pm) Über den Besuch von Mitgliedern des Vereins Namél, der Jugendwerkstatt in der Alten Seegrasspinnerei und der Nürtinger Hochschule in Gambia erhielten wir folgenden Bericht:

Es ist abends um halb sieben. Die Dunkelheit ist schon eingebrochen und wird durch das Fehlen der Straßenbeleuchtung und dem Staub in der Luft noch verstärkt. Das Markttreiben geht weiter, manche holen sich frischgebratenes Lammfleisch, da kommt der Anruf: der Vorsitzende des Mansa Konko Area Councils, Landing Sanneh, ist bereit, uns auch nach Dienstschluss zu sprechen, denn Partnerschaft mit Europa ist ihm besonders wichtig. Zwei Blocks weiter werden wir voller Spannung in das einstöckige Gebäude des Area Councils eingelassen. Sanneh empfängt uns im neonbeleuchteten Tagungsraum mit drei weiteren gewählten Vertretern des Kreisrats von Soma, einer Kleinstadt, etwa 100 Kilometer landeinwärts vom atlantischen Ozean, in Gambia, dem kleinsten und vielleicht ärmsten Land Afrikas.

Wir hatten uns Ende 2018 nach Gambia aufgemacht, dorthin, woher sich in den letzten Jahren zahllose junge Männer auf die Flucht gemacht hatten, regulär oder über den sogenannten „Back Way“ über Mali und die Maghrebstaaten wie Libyen. Von diesen schätzungsweise über 60.000 Menschen sind nun etwas über 10.000 in Baden-Württemberg. Mit im Gepäck haben wir eine Vision von einem „Solar Village“, die Idee, ein Siedlungsprojekt für freiwillige Rückkehrer zu initiieren. Es soll rückkehrenden Flüchtlingen und den jungen Leuten vor Ort eine Perspektive bieten und dabei gemeinschaftsfördernd und genossenschaftlich organisiert sein. Neben einem Angebot für Arbeit und gesicherte Unterkunft, soll das „Solar Village“ energetisch autark sein und auf der Nutzung erneuerbarer Energien beruhen.

In Gambia wollten wir Kontakte knüpfen und die Idee an entsprechenden Stellen ergebnisoffen vorstellen, vielleicht sogar nach einem geeigneten Stück Land Ausschau halten. Fatou N’Diaye-Pangsy, die seit 23 Jahren in Unterensingen lebt und die Afrikatage in Nürtingen durchführt, hat die Reise für die Vereinsmitglieder von Namél e.V. und die Jugendwerkstatt des Trägervereins Freies Kinderhaus Nürtingen organisiert. Beide Gruppen arbeiten eng mit Geflüchteten aus dem westafrikanischen Land zusammen. Christian Arndt, Leiter des Zentrums für Nachhaltige Entwicklung der HfWU, hat sich mit auf die Reise begeben, um das Projekt von Seiten der Hochschule zu unterstützen und Kooperationsmöglichkeiten auszuloten.

Das Land Gambia, das sich entlang des gleichnamigen Flusses erstreckt und vollständig von Senegal umgeben ist, liegt wirtschaftlich am Boden und übt sich vorsichtig in demokratischen Prozessen, die seit Anfang 2017 nach 22-jähriger Diktatur möglich werden. Laut neuesten Zahlen des Gambischen Amts für Statistik von 2018 sind von den 2,3 Millionen Einwohnern 43 % jünger als 15 Jahre. Die Arbeitslosigkeit beträgt etwa 35 %. Viele versuchen, aus ländlichen Regionen in die Stadt zu ziehen, wo die Arbeitslosigkeit aber häufig noch höher ist. Vor allem die jungen Menschen sind frustriert: die Jugendarbeitslosigkeit beträgt katastrophale 42 %, die Chancen auf eine Ausbildungsmöglichkeit sind gering. Dies liegt nicht nur an der häufig fehlenden Schulbildung, sondern auch an häufig hohen Kursgebühren: das Gambia Technical Training Institute (GTTI) in der Hauptstadt Banjul verlangt für einen Lehrgang zum Elektriker etwa drei Monatsgehälter eines Lehrers. Neben Bildungsmöglichkeiten fehlt auch Infrastruktur für Wasser, Energie und Müllentsorgung, der Zustand des Gesundheitssystems ist prekär.

Obwohl in Baden-Württemberg die „Schlagzahl“ der Abschiebungen erhöht werden soll, fordern immer mehr Arbeitgeber, dass ihre Angestellten und Azubis aus Afrika eine verlässliches Aufenthaltsrecht bekommen. Es liegt sogar ein Gesetzentwurf vor, nach dem auch abgelehnte Asylbewerber eine Chance bekommen sollen, in Deutschland einen Beitrag zur Wirtschaft zu leisten - jedoch erst nach einem Jahr Duldung – einer Zeit des Hoffens und Bangens. In dieser Phase können sie jederzeit abgeschoben werden, wenn sie nicht das Angebot annehmen, freiwillig auszureisen. Aber wie sieht das Land aus, in das die jungen Menschen zurückkehren? Welche Situation und welche Perspektiven bieten sich ihnen dort vor Ort?

IOM kümmert sich um Rückkehrer

In der Hauptstadt Banjul werden wir im streng bewachten Hauptquartier der International Organisation for Migration (IOM) eingelassen, das in der Nähe der Botschaften liegt, aber dennoch von unbefestigten Straßen umgeben ist. Das IOM ist eine weltweit agierende Organisation im UN-System, das seit 2017 den gambischen Staat bei der Aufnahme von Rückkehrern unterstützt. Eine Herausforderung besteht für das kleine Land vor allem darin, Rückkehrer mit schwerwiegenden Traumata und psychologischen Problemen zu integrieren. Von Etienne Mecaleff, dem Programmmanager des IOM vor Ort und seinem Mitarbeiter Sisay Mulatu, erfahren wir, dass jeder freiwillige Rückkehrer vom Flughafen abgeholt und erstbetreut wird: Diese erhalten eine ärztliche Untersuchung, Übernachtung für die ersten Tage und Beratung, wie sie möglicherweise ihren künftigen Lebensunterhalt bestreiten können. Job-Training und Investitionen werden vom IOM bezuschusst, allerdings nur als Sachmittel oder Übernahme von Ausbildungskosten. Seit das IOM seine Arbeit in Gambia aufgenommen hat, wurden mehr als 3800 Rückkehrer empfangen, der größte Teil aus Nordafrika, wo sie häufig versklavt oder zur Lösegelderpressung gefoltert werden. „Freiwillige Rückkehrer“ aus Deutschland bekommen dank des Programms Starthilfe Plus zudem Bargeld und in Einzelfällen auch Mietkostenzuschüsse - allerdings erst nach sechs Monaten Wartezeit. Mecaleff und Mulatu begrüßen unsere Idee eines sicheren Ortes („Safe Space“) für Rückkehrer, denn es sind viele, die nicht in ihre enge und einschränkende Familienbande zurückkehren wollen oder können. Die IOM-Experten bestärken uns aber auch in dem Gedanken, unsere Aktivität innerhalb der Strukturen vor Ort zu realisieren.

Eine Vielfalt an Akteuren

Deshalb treffen wir unweit vom IOM Ousman Yabo, dem Direktor von TANGO, einem Dachverband für nicht-staatliche Organisationen (NGOs) in Gambia. NGOs sind wichtig, denn es sind in erster Linie gemeinnützige Organisationen, die Bildungsmöglichkeiten anbieten. Yabo ist nicht nur beeindruckt von der Standfestigkeit von Angela Merkel, sondern betont auch die Hilfsbereitschaft verschiedener deutscher Initiativen vor Ort. Er berichtet von ganz verschiedenen Akteuren, von denen wir dann auch einige besuchen werden: so zum Beispiel die Dresden-Banjul-Organisation, die über ihr Geschäftsmodell einer Rallye Hilfsgelder organisiert. Auch Einzelkämpfer wie der Autoschrauber Heiner Walter aus Kiel, seit über 20 Jahren in Gambia, bieten jungen Gambiern ihr Know How an. Walter weiß genau, welche besonderen Kenntnisse es braucht, um Autos für die Straßen Gambias in Stand zu setzen. Denn ein Ersatzteilnetz gibt es nicht, ganz zu schweigen von der dafür notwendigen Zahlungskraft der Taxibesitzer.

Area Council – ein noch junges demokratisches Pflänzchen
Mit den vereinseigenen Autos machen wir uns auf den Weg flussaufwärts ins Inland: Etwa zwei Stunden über abwechselnd mal geteerte und mal unbefestigte Pisten treffen wir in Kerewan ein, einem der von Abwanderung mit am stärksten betroffenen Gebiete. Dort treffen wir uns mit Habibou Bah, einem der gewählten Mitglieder des dortigen Regionalrats, dem sog. Area Council. Waren diese unter der Diktatur von Yahya Jammeh noch von der Regierung eingesetzt, werden die Vertreter im Area Council seit 2018 vom Volk gewählt. Rund 12 bis 16 Vertreter sitzen in jedem Rat, meist Männer. Jeder District ist wiederum in Wahlbezirke aufgeteilt (sogenannte Wards), die mehrere Dörfer umfassen. Im Falle von Bah sind es 32 Dörfer im Prince Ward der Lower Niumi Region auf der Nordseite des Gambia Flusses.

Die Mitglieder der Area Councils wurden von der UN in ihrer Rolle als Volksvertreter geschult und haben die Bedarfe ihrer Region statistisch erhoben. Zusammen mit den Dorfbewohnern hat Bah die dringendsten Bedarfe in seinem Ward zusammengetragen, priorisiert und in den Regionalrat eingebracht. Im Rat wurden daraufhin ein strategischer Plan und konkrete Maßnahmen entwickelt.

In Kerewan gibt es beispielsweise vor allem Bedarf an Krankenwagen, da für den Krankentransport vom Dorf bis zum nächsten Gesundheitszentrum in den meisten Fällen lediglich Esel- und Pferdekarren zur Verfügung stehen. Viele Frauen bauen in den sogenannten „Womens‘ Gardens“ Gemüse für den Eigenverbrauch und den Verkauf an, aus Mangel an Düngemittel meist sogar biologisch. Dafür fehlt es häufig an Brunnen, Photovoltaikversorgung für die Pumpen oder an Kühlräumen. Diese sind für das Vermarkten genauso wichtig wie Lagermöglichkeiten. Denn hier lauern die Tücken: Jeder Kunde weiß, dass die Frauen ihre Produkte am Abend verkauft haben müssen, denn sie können sie weder für den nächsten Markttag aufbewahren noch auf die Tageseinnahme verzichten: So kosten die Tomaten, für die am Morgen noch 300 Dalasi verlangt werden können, am Abend nur noch 100 (siehe Foto vom Serrekunda Market, C. Arndt).

Auf der anderen Seite des Gambia-Flusses liegt die Lower River Division, mit der Stadt Soma, für die Landing zuständig ist. Das dortige Mansa Konko Area Council hat mehrere Projekte formuliert. Zu den wichtigsten gehört der Bau und Betrieb von Jugendzentren, die Beratung und Aufklärung, Gemeinschaft und Bildung, vor allem für die Jugend und die Frauen des Landes bieten. So lernen auch Kinder, die sich keinen Schulbesuch leisten können, hier kostenfrei häufig bei sportlichen und kulturellen Aktivitäten. Das Konzept hat wichtige Erfolge vorzuweisen, so z.B. in der Einschränkung des schrecklichen und noch weit verbreiteten Brauchs der Genitalverstümmelung junger Mädchen.

Die steuerlichen Einnahmen reichen für die Finanzierung der Projekte bei weitem nicht aus. Daher geht Mansa Konko den Weg, zusätzliche Einnahmen durch eigene wirtschaftliche Tätigkeit zu generieren, wie etwa durch den Bau einer Konferenzhalle mit angeschlossenen Gästezimmern. Denn hier stehen alle in den Startlöchern für den wirtschaftlichen Boom: wird doch die gerade eingeweihte und überhaupt einzige Brücke über den Gambiafluss zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt, nicht nur für Gambia, sondern auch für das viel größere Senegal.

Kooperation GIZ und GTTI in Mansa Konko

An dieser Stelle besuchen wir auch eine Außenstelle der GTTI. Die Rückkehrerberatung im Landkreis Esslingen bietet eine Tandemausbildung an, in dem eine in Deutschland begonnene Ausbildung in Mansa Konko für Rückkehrer kostenfrei fortgeführt wird. Allerdings ist das Gelände noch eine Baustelle, auch wenn schon erster Unterricht für Ausbilder in einem provisorischen Gebäude stattgefunden hat. Und Möglichkeiten der Unterkunft sind nicht geplant.

Die neugewählten Regionalräte sehen die Arbeit ausländischer Initiativen als willkommen aber dennoch als kritisch an. Sie würden sich wünschen, dass sich die karitativen Organisationen den lokalen strategischen Plänen anpassen, so dass die Bevölkerung mitbestimmt, wohin sich das Land entwickelt.

Nach Aussage von Sanneh, dem Vorsitzenden des Mansa Konko Area Council, war die Nürtinger Gruppe die erste europäische Gruppe, die aktiv den Kontakt zu den Regionalräten gesucht hat. Eine strukturierte Kooperation von Städten und Landkreisen in Deutschland mit der jungen, demokratisch gewählten Kommunalpolitik in Gambia könnte nicht nur Rückkehrern sondern allen Bewohnern Gambias helfen. Die Demokratie und Mitsprache zu stärken ist wahrscheinlich die einzige Möglichkeit, den Ausverkauf des Landes durch die skrupellose „China Aid“ zu verhindern. Die Chinesische Variante der Entwicklungshilfe ist unangenehm aufgefallen bei der Verseuchung des Fischbestandes und dem Raubbau an Sand.

Im Stadtteil Bakoteh im Kanifing Municipal Area hat der gambische Partnerverein von Namél e.V. seinen Sitz. Hier wird Fatou N'Diaye-Pangsy aus Unterensingen noch bis März bleiben, um mit den Kindern des Wohngebiets das Projekt „no plastic, please“ fortzuführen und den Kindern nach der Schule sinnvolle Aktivitäten anzubieten und dabei Kreativität und Eigensinn zu vermitteln, ebenso wie selbtsbestimmtes und gemeinwohlorientiertes Handeln. Prinzipien, die Kinder in Europa in die Wiege gelegt bekommen und die auch in der Nürtinger Kinder-Kultur-Werkstatt gelebt werden.

Pit Lohse, Christian und Iris Arndt, Sabine März, Ralf Kuder, Jörg Hoffmann, Julia und Clara Rieger, Sarah Scharkowski und Christa Reutter sind wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Im Gepäck sind viele Ideen, wie dem gastfreundlichen Land und ihren Leuten, die uns immer offen empfangen haben, strukturell geholfen werden kann.

(Julia Rieger und Christian Arndt)


 


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