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Alternative Nachrichten - 1.11.2010
Geschichte der Nürtinger STATTzeitung, Teil 2

 

(th) Bereits im vergangenen Jahr hatten wir begonnen die Geschichte der Nürtinger STATTzeitung auf der Grundlage von Gesprächen mit ehemaligen Mitarbeitern sowie des Blicks in alte Ausgaben der STATTzeitung zu skizzieren. Im Folgenden geht es um die Inhalte der STATTzeitung in den 80er Jahren.

In der STATTzeitungsredaktion ging es basisdemokratisch zu. Die presserechtliche Verantwortlichkeit  rollierte.  Umstrittene Inhalte gelangten dennoch ab und zu in die Zeitung.

Strittige Themen

Spätestens in der Schlussredaktion wurden die Beiträge für die nächste Ausgabe festgelegt. Weil man die Seiten füllen musste und aus Zeitdruck, wurde nicht jeden Artikel inhaltlich besprochen. Es gab Artikel, „die kamen ganz zum Schluss herein, da hat man gesagt: Afghanistan? o.k., das muss sein. Neckarschlammdeponie am Hörnle? o.k., da sind wir dagegen, das muss auch hinein“.

Die Redaktion hat auch erlebt, dass die Gegenöffentlichkeit, die sie schafft, instrumentalisiert wird. Ein früherer Redakteur reflektiert „Das war noch die Zeit der RAF-Auseinandersetzungen. Auf einmal war die STATTzeitung mit der Haltung konfrontiert: Jetzt muss die Gegenöffentlichkeit das präsentieren, was die bürgerliche Presse nicht mehr bringt, obwohl wir gar keinen Bezug zu den Leuten hatten, die das gemacht haben.“

Anerkennung als Presseorgan

Trotz des alternativen Charakters hat sich die STATTzeitung immer darum bemüht als Presseorgan anerkannt zu werden. Von der Stadt wurde eingefordert, Presseeinladungen und -unterlagen für die Gemeinderatssitzungen zugeschickt zu bekommen. Auch bei der Bundeswehrausstellung 1982 war eine Redakteurin als offizielles Pressemitglied vertreten, während andere draußen Luftballons mit Friedenstauben aufsteigen ließen.

Teil der Bewegung

Das Redaktionsteam wollte aber nicht nur Zeitung machen, einige STATTzeitungsmacher waren auch an Aktionen wie der Hausbesetzung in der Plochinger Straße 5 b beteiligt. Die STATTzeitung hat auch die Anti-NPD-Demo 1981, die große Friedensdemo 1981 mit der Rednerin Karola Bloch und die Demo gegen Apartheid in Südafrika in Nürtingen mitorganisiert. In den Unterkünften für "finanziell Schwache" in der Grötzinger Straße hat die STATTzeitung skandalöse Verhältnisse aufgedeckt und nicht nur darüber geschrieben, sondern das Thema auch in Gemeinderats-Sitzungen vorgebracht.
Die STATTzeitung war auch „ein Stück weit Spaßguerilla“. In der Nacht vor der Friedensdemo in Bonn am 10. Juni 1982 sind einige STATTzeitungsmitarbeiter zusammen mit Leuten aus einer WG losgezogen, haben in Nürtingen „ein wenig Farbe versprüht“ und dann „kollektiv“ im Garten der WG übernachtet, um am nächsten Morgen ein Riesentransparent an dem Zug zu befestigen „Schripp schrapp schrulli, Raketen in den Gully“.

Dem in den 80er-Jahren geplanten Atom-Bunker wurde von den Kritikern entgegen gehalten, dass ein solcher Bunker unsinnig ist und zudem kontinuierlich instand gehalten werden muss. Eine STATTzeitungs-Redakteurin ist nach Sindelfingen gefahren und hat Fotos von dem dortigen Tiefgaragen-Bunker gemacht, die zeigten, dass der niemals ein Schutz sein wird. „Der war so marode, da musste man Angst haben wenn man sein Auto unterstellte“. Die STATTzeitung hat auch Veranstaltungen mit Leuten aus Sindelfingen organisiert. Damit hatte sie einen großen Anteil an der Meinungsbildung, die schließlich zur Ablehnung des Bunkerbaus durch den Bürgerentscheid am 16. März 1986 geführt hat.

Bei einer Veranstaltung der „Aktion Leben“ im großen Saal der Stadthalle im Januar 1986 wollte der Abtreibungsgegner Dr. Siegfried Ernst - von der STATTzeitung als „reaktionärer Anti-Abtreibungsapostel“ bezeichnet - den Anti-Abtreibungsfilm „Der stumme Schrei“ mit zerstückelten Embryos vorführen. Eine damalige Redakteurin erinnert sich: „Der Saal war knallvoll. Als Dekan Rolf Walker die Filmrolle einlegte, sprang jemand hin, nahm die Rolle und haute ab. Dann sind viele Leute aus verschiedenen Gruppen und Initiativen auf die Bühne und haben Transparente entrollt. Ich habe immer geknipst, geknipst, geknipst als STATTzeitungsreporterin. Die Leute im Publikum waren hellauf entsetzt, was da abgeht. Innerhalb von zehn Minuten war die Veranstaltung gesprengt.“

Bewusst anders

Im Dezember 1988 resümiert die STATTzeitung, sie habe berichtet: „über den Kampf britischer Bergarbeiter gegen drohende Arbeitslosigkeit in Nürtingens Partnerstadt Pontyprid“ statt „über Händeschüttelorgien auf Bürgermeisterämtern, über Möglichkeiten alternativer Friedenspolitik“ statt „über Bunkerbaueuphorie, über Nürtingens Stadtrat Dr. Staffa als einen der führenden Köpfe der Szene der neuen Rechten“ statt „über das scheinbar ehrenwerte Gemeinderatsmitglied als verdienstvollen Demokrat und Träger des Bundesverdienstkreuzes, über die Bemühungen, ausgetrampelte Pfade Nürtinger Kulturpolitik zu verlassen“ statt „über den etablierten Stadthallenbetrieb, über Ansätze alternativer Verkehrspolitik“ statt „dem Individualverkehr das Wort zu reden, über die Probleme von Asylbewerbern im Land und über unsinnige gesetzliche Bestimmungen“ statt „über Wirtschaftsflüchtlinge, über Thaddäus Kunzmanns haarsträubende Ansichten zur nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands und zum Völkermord an Millionen jüdischer Menschen“ statt „über die müden Initiativen zu ‚Kinderspielplätzen oder Müllkontainern‘ des Kreisvorsitzenden der Jungen Union.“

Weitere Themen der STATTzeitung waren in den 80er-Jahren der NPD-Landesparteitag in der Stadthalle 1981, die Friedensdemo 1981, der Rathaus-Neubau, die geplante Deponie von Neckarschlamm am Hörnle, die Forderung eines Beratungsangebotes von ProFamilia in Nürtingen, die Volkszählung 1987 sowie rechtsradikale Vorgänge.

Zustimmendes Interesse bis arrogante Ignoranz und darüber hinaus

Beim Verkauf in der Fußgängerzone, wo man sich als STATTzeitung deutlich exponierte, erlebten die Mitarbeiter damals keine feindseligen Reaktionen, höchstens arrogante Ignoranz. Bei der STATTzeitung waren viele Leute aus dem großen bürgerlichen Lager dabei, die in Nürtingen nicht unbekannt waren, und man hat sich gesagt: "Wenn die dabei sind kann das nichts ganz schlechtes sein". Viele Arbeitskreise, die aus der evangelischen Kirche hervorgegangen sind, bekamen hier ein Forum, wodurch die STATTzeitung auch Verbindungen zum pietistisch geprägten Nürtingen herstellen konnte. Wenn so was wie der „Palazzo Prozzo“ (der Rathausneubau) auf dem Titel war, dann haben nicht nur die üblichen Verdächtigen die STATTzeitung gekauft. Die STATTzeitung wurde in ihrer Nische akzeptiert.

„Unangenehm konnte es allerdings werden“, erinnert sich eine frühere Redakteurin, „wenn Dr. Staffa auf dem Titelbild war oder Artikel über ihn mit neuen Aufdeckungen etwa zum ‚Fall Dr. Staffa/Witikobund oder wen oder was man in der BRD nazistisch nennen kann’ enthalten waren“.

Heftige Reaktionen gab es 1987 beim Wahlkampf von Sabine Bangert als OB-Kandidatin gegen Alfred Bachofer. Die STATTzeitung hatte ein Titelbild gemacht von ihr mit Boxhandschuhen. „Dafür ist die Redaktion angegriffen worden von Leuten, die man dem linken Lager der SPD zugeordnet hat, weil man mit so was keinen Spaß macht!“ schildert eine ehemalige Redakteurin. Im Waldheim hatte die SPD zu einer Diskussionsveranstaltung mit den OB-Kandidaten eingeladen. Da wurde auch die STATTzeitung verkauft und ein SPDler machte die Verkäuferin an: "Dass du dich das traust mit dem Titelbild hier zu sein!" Sabine Bangert wollte bei der offiziellen Podiumsdiskussion in der Stadthalle in ihrer Rede „frauenpolitisch einiges loswerden, aber anschließend nicht aufs Podium gehen, weil sie da eh bloß eingemacht würde“. STATTzeitungsmitarbeiter hatten vor, ihren Platz durch eine Schaufensterpuppe zu besetzen. Angesichts der vorhergehenden Angriffe haben sie sich dann aber nicht getraut.

Scharf angegriffen wurde die STATTzeitung 1985 vom damaligen Kreisvorsitzenden der Jungen Union Thaddäus Kunzmann. Auf einer Veranstaltung mit dem ehemaligen KZ-Häftling Otto Wisst hatte er eine Äußerung abgegeben. Im Interview mit der STATTzeitung sagte Otto Wisst später: "Wenn ich bloß an den einen Jungen denke, wie der provozierend dagestanden ist .... Aus solchen Leuten können sie morgen wieder eine SS machen. Das wären doch die ersten, die sich dazu freiwillig melden würden". Das wurde so als Zitat veröffentlicht. Thaddäus Kunzmann meinte, das sei Verleumdung! Als Mitglied der Jungen Union, die Mitglied im Stadtjugendring (SJR) war, hat er gefordert, der SJR sollte die finanzielle Unterstützung der STATTzeitung einstellen. Es kam zu einer Aussprache beim Stadtjugendring, in der die STATTzeitung klargemacht hat: "Das ist zitiert und das ist Pressefreiheit". Die STATTzeitung wurde weiterhin vom Stadtjugendring finanziell unterstützt.

Von der lokalen Tageszeitung fühlte sich die STATTzeitung als unbotmäßige Konkurrenz betrachtet. Selbst verstand sie sich als Korrektiv zur (Hof-)Berichterstattung und oft tendenziösen Leserbriefredaktion der Nürtinger Zeitung. Der damalige Chefredakteur Günter Schmitt (itt) war bekannt dafür Leserbriefe zu kürzen, die Überschriften zu verändern oder sie gar nicht zu veröffentlichen, wenn sie ihm nicht passten. Solche Leserbriefe wurden dann gerne von der STATTzeitung abgedruckt. Ab und zu erschienen in der STATTzeitung so genannte „Schmitt’ser“ aus der Nürtinger Zeitung. Als Dr. Rolf Kosiek 1980 wegen rechtsradikaler Aktivitäten aus dem Staatsdienst entlassen worden war, kritisierte ein Beitrag in der STATTzeitung, dass der Chefredakteur der Nürtinger Zeitung in seinem Artikel "keinen Zweifel aufkommen" ließ, "wem sein Mitgefühl und seine Sympathie gehören" und ein anderer Redakteur gefordert hatte: "Der Radikalenerlaß muss weg!". Die STATTzeitung warf die Frage auf, ob bei dem Berufsverbot eines kommunistischen Lehrers durch den Radikalenerlass mit ebensolchem "human touch" und "ebenso vehementen Worten gegen die Berufsverbotpraxis" berichtet würde. Später folgte auch die STATTzeitung eher dem journalistischen Grundsatz: Schimpf nie über andere Zeitungen, sondern mach es besser!

Neben Archivierungen in Nürtingen ist die Printausgabe der Nürtinger STATTzeitung in der Zeitschriftendatenbank (ZDB) der Staatsbibliothek Berlin und der Deutschen Nationalbibliothek verzeichnet. Ein Satz ihrer Ausgaben findet sich in der Friedrich-Ebert-Stiftung und ein Teil des Bestandes in der Württembergischen Landesbibliothek sowie im Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit, Berlin.


 


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