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  Politik
 
Globale Eskalation oder Rückkehr zur Vernunft - 5.12.2017

  (pm) "Globale Eskalation oder Rückkehr zur Vernunft", so lautete der Titel des letzten Vortrages im katholischen Gemeindehaus Nürtingen im Rahmen der 38. Eine Welt Tage und Friedenswochen Nürtingen. Als Referenten hatte der Arbeitskreis Frieden in der Einen Welt Nürtingen den Freisinger Diplom-Theologen und Referenten für Friedensfragen beim deutschen Zweig des Internationalen Versöhnungsbundes, Clemens Ronnefeldt, eingeladen.

Der Referent begann mit einem Überblick über Langzeitentwicklungen, ging auf den wieder entbrannten Ost-West-Konflikt ein, erläuterte Konflikte im Nahen und Mittleren Osten, sprach über die aktuellen Spannungen zwischen USA und Nordkorea, stellte grundlegende wirtschaftliche Zusammenhänge dar, bevor er am Ende die Themen Klimawandel und Lebensstil behandelte.

Dass die Menschheit seit seinem Geburtsjahr 1960 sich von 2,5 Milliarden bis heute auf 7,5 Milliarden verdreifacht habe, gleichzeitig jedoch die Analphabetenrate weltweit drastisch gesenkt und bis zur Trendumkehrung im vergangenen Jahr 2016 die Zahl der Hungernden verringert werden konnte, bezeichnete der Referent als große Leistungen der Menschheit. Ebenso sei positiv herauszustellen, dass Zentral-Europa seit 1945 die längste Friedensperiode seiner Geschichte erlebe.

Clemens Ronnefeldt kritisierte zunächst die russische Politik bezüglich Kriegsführung in Syrien, Unterstützung von Separatisten in der Ukraine, Menschenrechtsverletzungen und zunehmender Einschränkung der Pressefreiheit in Russland, bevor er auf die Ursachen dieser Politik zu sprechen kam.

Die westliche Politik habe seit 1990 entgegen ihrer Zusagen an den damaligen Präsidenten Gorbatschow die Nato bis an die russische Grenze ausgeweitet, Abwehrraketen im ehemaligen Warschauer Pakt stationiert, Russland als "Regionalmacht" verspottet, auch deutsche Panzer an die russische Grenze verlegt und würde mit dem Beschluss zum Aufbau von zwei neuen Nato-Kommandozentralen den Ost-West-Konflikt weiter anheizen.

Der Ukraine habe man die "Pistole auf die Brust gesetzt" und das Land in eine unmögliche Zerreißprobe zwischen Russland und der EU geführt. Der Autor empfahl das programmatische Buch des Friedensnobelpreisträgers Michail Gorbatschow "Kommt endlich zur Vernunft! Nie wieder Krieg" sowie eine neue Entspannungspolitik, wie sie schon einmal unter Helmut Schmidt und Egon Bahr friedensstabilisierend gewirkt hat. "Deutsche Panzer haben sieben Jahrzehnte nach all dem Leid, das Deutschland über Russland gebracht hat, nichts an der russischen Grenze verloren", so der Referent.

Im Nahen und Mittleren Osten ging Ronnefeldt auf den Machtaustrag zwischen Iran und Saudi-Arabien und die sie jeweils unterstützenden Großmächte beim Kampf um die Vorherrschaft in der Region ein. Er empfahl eine Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in der Region, um zentrale Themen wie Wasser, erneuerbare Energien, Friedenserziehung, interreligiöser Dialog und eine Zone frei von Massenvernichtungswaffen zu behandeln. Er kritisierte deutsche Waffenlieferungen in die Region sowie die vor wenigen Wochen beschlossene Lieferung von Patrouillenbooten an Saudi-Arabien, mit denen die saudische Regierung schon jetzt Häfen kontrollieren könne und keine Waren für notleidenden Menschen im Westen von Jemen zulassen werde. "Wer Rüstung exportiert, wird Flüchtlinge ernten", so die These des Referenten.

Hinter dem Atom- und Raketenkonflikt zwischen USA und Nordkorea stünden grundsätzliche Fragen. Aus dem Sturz und der Tötung von Saddam Hussein in Irak und Muammar al-Gaddafi in Libyen habe die nordkoreanische Führung die Lehre gezogen, dass offenbar nur der Besitz von Atomwaffen das Land vor einem Überfall bewahren könne. Zudem sei die US-Regierung im Jahre 2017 mehr an der Stationierung eines neuen Raketenabwehrsystems in Südkorea, mit dessen Radarsystem man auch ca. 3000 Kilometer weit nach China und nach Russland blicken könne, interessiert gewesen, als an einem Ausgleich mit Nordkorea. Dieser könne durchaus erreicht werden z.B. durch Verzicht auf groß angelegte US-Manöver mit Südkorea, die jederzeit in eine Intervention münden könnten. Als "Rückkehr zur Vernunft" empfahl der Referent eine Nichtangriffserklärung der USA gegenüber Nordkorea, humanitäre Hilfe für dessen notleidende und unterdrückte Bevölkerung - um im Gegenzug die Einstellung weiterer Atomtests, Raketenabschüsse sowie des gesamten nordkoreanischen Atomwaffenprogramms zu ermöglichen.

Das grundlegende Problem bestünde darin, dass die Atomwaffen besitzenden Staaten ihrer Verpflichtung aus dem Atomwaffensperrvertrag nicht nachkämen, ihre Atomwaffenarsenale auf Null zu reduzieren. Die Verleihung des diesjährigen Friedensnobelpreises an "ICAN" bezeichnete Clemens Ronnefeldt als ermutigend.

"Wäre die Welt eine Bank, ihr hättet sie längst gerettet", so leitete der Referent seinen Wirtschaftsblock ein. Für die Rettung von Banken habe Deutschland allein rund 500 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt - während die weltweiten Ausgaben für Entwicklungshilfe nur rund 100 Milliarden Euro betragen würden. Acht Einzelpersonen verfügten inzwischen über ein Privatvermögen, das höher sei als das gesamte Vermögen der ärmeren Hälfte der Menschheit.  Clemens Ronnefeldt empfahl "Teilen, nicht Töten" und "den mit Überfluss gedeckten Tisch länger statt Zäune höher zu machen".

Die Lobbyisten der Automobil- und Rüstungsindustrie hätten inzwischen die Politik so im Würgegriff, dass es ein breites Bündnis zivilgesellschaftlicher Gruppen aus Kirchen und Gewerkschaften bräuchte, diesen Strukturen, die eine gerechtere, friedvollere und umweltfreundlichere Politik verhinderten, etwas entgegen zu setzen.

Beim Lebensstil auf der persönlichen Ebene empfahl der Referent den weitestgehenden Verzicht auf Flüge und Mobilität mit Verbrennungsmotoren sowie hohen Fleischkonsum. Stattdessen forderte er den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, die Streichung innerdeutscher und grenznaher Flüge, Bioregionalismus, Bürgerenergiegenossenschaften und Mehrgenerationenhäuser.  Er empfahl als neue Ausrichtung "Gemeinwohl-Ökonomie" (nach Christian Felber) und die "Befreiung vom Überfluss" (nach Nico Paech).

Zum Ende ermutigte Clemens Ronnefeldt, aus der "Diktatur der Gegenwart auf Kosten der Zukunft" (nach Harald Welzer) und einem immer mehr krankmachenden Lebensstil auszusteigen und durch einen einfacheren Lebensstil auch die Zukunftschancen "unserer Kinder und Enkel" zu erhalten.

Eine lebhafte Diskussion der rund fünfzig Zuhörenden schloss sich an, bevor sich die Mitarbeiterinnen des Arbeitskreises Frieden in der Einen Welt Nürtingen beim Publikum für dessen Kommen und beim Referenten für seine zahlreichen nachdenklich machenden Impulse bedankten.

 



 


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