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  Geschichte
 
Leben am Wörth - 20.2.2012
Wilhelm Fischer erinnert sich

 

(th) Wilhelm Fischer wurde 1930 geboren und wuchs in der Wörthstraße 14 in Nürtingen auf. Sein Vater Christian Fischer und dessen Bruder Hermann Fischer führten das Kiesbaggereigeschäft des Großvaters zunächst am Neckar, später in getrennten Firmen in Zizishausen und Oberboihingen weiter. Wilhelm und sein Bruder Fritz übernahmen 1950 die Firma von ihrem Vater. Das Elternhaus und eine Halle des alten Geschäftes stehen heute noch. Das Wohnhaus wurde in der Zwischenzeit neu gebaut.

Wilhelm Fischer aus Nürtingen erinnert sich:

Fischerfischer – Kiesfischer

Mein Großvater besaß auch die Fischereirechte für den Neckar. Der Fluss war damals reich an Fischen. Stellnetze leiteten die Fische in Reusen, aus denen es kein Entrinnen mehr gab. Täglich mussten die Reusen mit dem Boot angefahren und die gefangenen Fische entnommen werden. In einem vom Neckarwasser durchströmten Fischkasten wurden Barbe, Rotauge, Brachse, Flussbarsch und Aal gehältert und dann an die Nürtinger Bevölkerung verkauft. Oft half ich meinem Großvater, der von den Nürtingern auch „Fischerfischer“ genannt wurde, beim Leeren der Reusen.
Als Jugendlicher fischte ich auch mit einem großen, vom Boot aus zu bedienenden Galgenhammer (Senknetz). Das quadratförmige Netz, dessen vier Ecken an zwei sich kreuzenden flexiblen Stangen befestigt waren, ließ ich langsam auf den Grund des Neckars sinken, wartete ein paar Minuten und hob es dann mit Hilfe des Galgens schnell aus dem Wasser. Wenn ich Glück hatte, zappelten gleich mehrere Fische in der Netzmitte.
Schon als kleiner Junge half ich im elterlichen Betrieb mit. Nach dem morgendlichen Schulunterricht waren die Hausaufgaben schnell gemacht, um dort, wo gerade Not am Mann war, helfend einzuspringen. Das konnte auf dem Eimerkettenbagger, einem Schwimmbagger, dem Schlepper mit den Kiesschiffen, in der Kiesaufbereitungsanlage am Neckarufer auf dem Wörthgelände oder in der Werkstatt sein. Mein Großvater Christian, mein Vater und mein Onkel Hermann fertigten als gelernte Schiffsbauer die zum Kiestransport benötigten Holzkähne in mühevoller Handarbeit selbst. Die große Werkstatt im Erdgeschoss des elterlichen Hauses diente somit auch als Schiffswerft.
Schon mein Urgroßvater baggerte im Neckar nach Kies. Um zwischen den vielen Fischers in Nürtingen zu unterscheiden, bedachte man deshalb meine Vorfahren und dann auch meine Familie mit dem Namen „Kiesfischer“.

Kies aus dem Neckar

Mit dem Neckarkies wurden, auf kurze Transportwege bedacht, unter anderem die Neckarbrücken in Neckarhausen, Nürtingen und Zizishausen sowie das Zementwerk erbaut. Ein Schwimmbagger, mit starken Drahtseilen an beiden Ufern festgemacht, schaufelte den Kies selbst noch aus fünf Metern Wassertiefe nach oben. Eine dicke und sehr feste Tonschicht, die schon nach wenigen Zentimetern fast trocken war, bildete die Abbaugrenze nach unten. Aus den Fördereimern stürzten die Kiesel über eine Rutsche in die Kieskästen, die aufgereiht in den Kähnen warteten. Ein Schlepper zog die vollen Kähne zur Entladestelle, wo ein stationärer Kran die vollen Kieskästen aus dem Schiff hievte und deren Inhalt in die Reinigungs- und Sortieranlage kippte. Mit dem Lkw, ganz früher mit den Kuhfuhrwerken, transportierte man dann den Kies zu den Baustellen.
Regelmäßig musste der Neckar auch an der Steinachmündung ausgebaggert werden, denn der angeschwemmte Kies füllte an dieser Stelle das Flussbett stark auf und zu wenig Wasser gelangte dann zu den Turbinen des städtischen E-Werks.
Während des 2. Weltkriegs ruhte der Betrieb. Mein Vater Christian war eingezogen worden. Erst als er 1947 aus der Gefangenschaft zurückkam, begann man wieder mit der Kiesförderung, denn Kies wurde ja dringend für den Wiederaufbau benötigt.

Menschen auf dem Fluss

Viele Jahre gab es in Nürtingen einen Bootsverleih. Bis zu 20 Ruderboote lagen nebeneinander am Ufer und warteten darauf, aufs Wasser hinausgerudert zu werden. Besonders an schönen Sonn- und Feiertagen waren alle Boote auf dem Wasser und es herrschte ein munteres Treiben auf dem Neckar.
Auch mit unseren großen Schiffen wurde nicht nur Kies über das Wasser geschippert. Die Lastkähne funktionierte man bei Bedarf in Ausflugsboote um und manche Gesellschaft erreichte gegen ein kleines Entgelt auf dem Wasserweg das Gasthaus Hirsch in Neckarhausen. Auch Schlachtenbummler kamen immer wieder auf dem Wasser zum sonntäglichen Kick auf den Sportplatz Wörth. Da die Schiffe nicht gerade klein und schwere Lasten gewöhnt waren, konnten sie bis zu 70 Personen aufnehmen.
Gegen Ende des 2. Weltkrieges zerstörte man viele Brücken über den Neckar, so auch in Neckarhausen, Nürtingen und Zizishausen. Damit sollte die Einnahme der Stadt durch die von Südwesten her anrückenden Franzosen verhindert werden. Die Amerikaner beschossen die Stadt vom Norden her und nachdem besonnene und mutige Nürtinger Bürger ihnen die Kapitulation überbracht hatten, besetzten amerikanische Soldaten die Stadt. Während des Beschusses wurden Einwohner zum Teil schwer verletzt, doch wohin mit den Verletzten? Zwar gab es für verwundete Soldaten im Stadtgebiet ein Notlazarett, doch für die Zivilbevölkerung lag das rettende Krankenhaus auf der anderen Seite des Flusses. Also mussten sie übergesetzt werden. Oft stocherten mein Bruder Fritz und ich unsere Holzkähne zum gegenüber liegenden Ufer, wo schon ein Wagen wartete, der die Kranken und Verwundeten dann in ärztliche Obhut brachte.
Auch der Friedhof befand sich auf der anderen Neckarseite. So kam es hin und wieder vor, dass ein Sarg samt den Trauernden in unserem Boot das Flussufer wechselte.
Während des Krieges und in den ersten Nachkriegsjahren wurde kein Kies gebaggert. Daher war es möglich, ein großes Kiesschiff in eine Last- und Personenfähre umzufunktionieren, die, über eine Rolle an einem starken Drahtseil gesichert, morgens die Fabrikarbeiter aus Oberensingen und Neckarhausen in die Stadt brachte und abends wieder zurück. Regelmäßig begleitete der amerikanische Stadtkommandant, der im Rathaus residierte, nach Dienstschluss seine Sekretärin zu ihrer Wohnung am Galgenberg und spätestens um 18 Uhr, kurz bevor die Ausgangssperre für die Nürtinger Bevölkerung begann, stand er winkend am Ufer und wollte wieder über den Fluss in die Stadt zurück.
Auch die Bierfässer und -kisten der Brauerei Schöll wechselten auf diese Weise die Uferseiten. Damit alles sicher angelandet werden konnte, mussten an beiden Ufern stabile Landungsstege gebaut werden. Als dann eine Pontonbrücke eingerichtet wurde, für die man unsere Kiesschiffe verwendet hatte, stellten wir den Fährbetrieb ein. Später baute man in der Verlängerung der Hermannstraße eine Holzbrücke. Auf ihr überquerten Lastwagen und Fuhrwerke sicher den Neckar, bis 1947 die neue Stadtbrücke in Betrieb genommen werden konnte.
Einmal waren drei städtische Arbeiter damit beschäftigt, von einem Kiesschiff aus die undichten Stellen der Wehrkrone am Stadtwehr mit Kies zu verstopfen. In einem Moment der Unachtsamkeit löste sich das große Boot vom Wehraufsatz, trieb der Wehrkrone entlang auf eine Stelle zu, wo ein ganzes Brett fehlte und sich das Wasser in einem mächtigen Schwall über das Wehr ergoss. Wie durch ein Wunder blieb das Schiff auf der Mauerkante stehen, wobei fast die Hälfte des Schiffes über das Wehr hinausragte und drohte, jeden Moment in die Tiefe zu stürzen. Mein Bruder Fritz und ich paddelten zum Schiff hinaus, banden ein Seil an die Schiffskette und brachten das andere Seilende ans Ufer zurück, wo bereits eine Straßenwalze zum Herausziehen bereitstand. Doch als sich die Walze in Bewegung setzte, riss das Seil und das Kiesschiff mitsamt den drei Arbeitern stürzte über das Wehr in die Tiefe. Gott sei Dank kenterte es nach dem Aufprall unten nicht und auch keiner fiel aus dem Boot. Wir schnappten einen langen Enterhaken, ruderten zum Melchiorufer und rannten dem Ufer entlang dem führungslosen Schiff hinterher und überholten es. Als es in Ufernähe trieb, befestigte einer der Arbeiter das Ende der Schiffskette an unserem Haken, die wir dann um den nächstbesten Baum am Ufer wickelten. Wie von Geisterhand drehte sich das Schiff um 180 Grad und legte gegenüber dem Hohen Gestade am Ufer an, nur wenige Meter, bevor die Strömung des Neckars reißend wird und an mehreren Stellen große Steinblöcke aus dem Wasser ragen. Schreckensbleich aber wohlbehalten konnten die Arbeiter das Schiff verlassen.

Gewerbebetriebe auf dem Wörth

Außer unserem Betrieb mit Wohnhaus und Werkstatt im Erdgeschoss, den verschiedenen Schuppen, dem Lagerplatz, der Reinigungs- und Sortieranlage mit Verladestelle und dem Kontor gab es auf dem Wörthgelände noch das Sägewerk Feßmann mit seinem großen Holzlagerplatz. Beide Firmen wurden entweder von der über die Wörthstraße hinaus verlängerte Hermannstraße oder die Hessestraße angefahren. Im Laufe der Jahre ersetzten wir die einzelnen Schuppen durch eine große Werkshalle, die heute noch steht. Auch die Firma Feßmann stellte den Sägebetrieb ein und konzentrierte sich nur noch auf die Herstellung von Holzkisten und den Holzhandel.
Das Wohnhaus und die große Werkshalle standen erhöht, sodass ein normales Hochwasser keine Schäden anrichten konnte. In der Kiesreinigungs- und Sortieranlage befanden sich auf einem Betonsockel die drei Elektromotoren, mit denen die Anlage betrieben wurde. Mit schweren Flaschenzügen, die an starken Haken an der Decke über den Motoren hingen, hat man im Falle eines bevorstehenden Hochwassers die wichtigen und wertvollen Maschinen in eine sichere Höhe hochgezogen. Das kam öfters vor.
Wenn der Neckar im Sommer manchmal Niedrigwasser führte, konnte es passieren, dass die Turbinen zu wenig Strom für die Stadt erzeugten. Die Firma Melchior hatte ihr eigenes Wasserkraftwerk und sank der Wasserpegel unter eine vertraglich festgelegte Marke, klingelte im städtischen E-Werk das Telefon und mit fester Stimme wurde E-Werksmeister Weber aufgefordert, die Schwelle am Turbineneinlauf höher zu fahren, damit die Melchiorturbinen genügend Wasser bekommen. Dieses Wasser fehlte nun aber den städtischen Turbinen. Aber bei Heller und den vielen Strickwarenfabriken durften die Räder nicht still stehen. Um dem drohenden Stromnotstand vorzubeugen, musste der schwere Schiffsdieselmotor angeworfen werden, mit dessen Kraft ein Generator den fehlenden Strom erzeugte. Weil der gewaltige Motor viel und teures Dieselöl verbrauchte, war man froh, wenn es dann wieder ausgiebig regnete.

Wilhelm Fischer hat aus seiner langen Verbundenheit mit dem Wörth auch seine eigenen Vorstellungen zu der geplanten Neugestaltung, die hier nachgelesen werden können.


 


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