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  Geschichte
 
"Mit seinem weiteren Arbeitseinsatz ist nicht mehr zu rechnen" - 25.5.2016
Denk-Ort (4) Anatoli Grizjuk wurde aus dem Lager Mühlwiesen an die Gestapo übergeben

  Am „Denk Ort“ an der Nürtinger Kreuzkirche erinnert die Gedenkinitiative zusammen mit der Stadt nacheinander im Wechsel an einzelne Opfer und Leidtragende des Nationalsozialismus in Nürtingen. Derzeit präsentiert man dort einige Sätze zu Anatoli Grizjuk.

Doch wer war dieser Mann? Hier das Ergebnis der Recherchen der Gedenkinitiative:
Anatoli Grizjuk stammte aus der Ukraine. In Makajewska (Makijiwka) geboren, wurde er 1941 wie 18 Millionen Menschen als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt und im Nürtinger Mühlwiesenlager untergebracht. An dieser Stelle stehen heute die Realschulen. Anfangs wurde Anatoli Grizjuk von der Firma Heller verwendet, ab dem 18. April 1944 leistete er als Schwerarbeiter im Lagerhaus der Württembergischen Warenzentrale landwirtschaftlicher Genossenschaften (WüWa) Zwangsarbeit. Hierbei hatte er nach Angaben seines dortigen Vorgesetzten Julius Walz "schwere Arbeit zu leisten".

Im Jahr 1944 spielten in der Baracke 26 des "Mühlwiesenlagers" in der Nacht auf Sonntag so genannte "Ostarbeiter" Karten, vermutlich war auch mindestens ein Zwangsarbeiter aus einer anderen Baracke dabei. Dies war laut Lagerordnung wie auch das Kartenspielen verboten. Auch war ab einer bestimmten Uhrzeit das Licht zu löschen. Lagerführer Alfons Hirsch, Jahrgang 1904, gelangte bei seinem nächtlichen Kontrollgang nicht in die Baracke hinein. Er forderte die Insassen auf, die Türe zu öffnen. Daraufhin schoss er durch die Türe. Ein Mann sprang heraus und stieß den Leiter des Mühlwiesenlagers zur Seite. Alfons Hirsch setzte ihm nach und schoss ihm hinterher. Der Verdacht, ob begründet oder nicht, fiel auf Anatoli Grizjuk.

„Mein lieber Herr, helfen Sie mir bitte!“
Alfons Hirsch lieferte Anatoli Grizjuk der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) aus, nachdem dieser verhört und zusammengeschlagen worden war. Julius Walz sah ihn noch aus einiger Entfernung, wie er "8 oder 10 Tage", nachdem Kriminalkommissar Widmann am Montag nach dem Vorfall wegen einer Befragung zu Anatoli Grizjuk zu ihm gekommen war, "in der Nähe des Bahnhofs ... unter Bewachung zur Bahn gebracht wurde". Aus der Gestapo-Haft schrieb Anatoli Grizjuk verzweifelt Briefe an seine Freunde. An Julius Walz gerichtet war der Zusatz: "Main liber ger [= Herr] gelffa [= helfen] bita Sie Mir".

Julius Walz versuchte, Anatoli Grizjuk frei zu bekommen. Er schrieb am 31. Oktober 1944 an die Staatspolizeileitstelle Stuttgart der Geheimen Staatspolizei betreffend „unseren Ostarbeiter Anatolij Grizjuk“: „Wie wir erfahren haben, soll dieser Mann sich zur Zeit bei Ihnen in Haft befinden.“ In dem Schreiben bat Julius Walz, „den Mann für uns freizugeben … nachdem unseres Erachtens nach die Verfehlungen von dem Ostarbeiter Grizjuk nicht so schwerwiegend sind“. Der Mann habe „sich bei uns jederzeit fleissig und anständig betragen.“

Diese Bitte begründete Julius Walz genauestens mit der Schilderung der aktuell anfallenden Arbeiten und dem Umstand, dass seine Anfragen an das Arbeitsamt „wegen Zuweisung von Leuten (...) leider resultatlos“ blieben. Er versicherte der Gestapo auch, dass sie „unter allen Umständen den Arbeiter schärfstens überwachen würden“. Dieser beeindruckende Vorstoß blieb erfolglos, denn Kriminal-Oberinspektor Gottfried Mauch von der Stuttgarter Gestapo schrieb Julius Walz zurück, dass der „Ostarbeiter G r i z j u k“ (...) „von hier auf unbestimmte Zeit in ein Konzentrationslager eingewiesen“ wurde und mit „seinem weiteren Arbeitseinsatz nicht mehr zu rechnen“ sei. Seine Spur verliert sich im „Arbeitserziehungslager Oberndorf-Aistaig“. Von dort kam sein letzter Brief.

Dieser Artikel ist der vierte im Rahmen einer Serie, in der wir die Menschen hinter dem „Denk Ort“ präsentieren. Mehr über Anatoli Grizjuk kann man auf der Webseite www.gedenken-nt.de erfahren.

von Manuel Werner
Foto: Kulturamt Nürtingen

 


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