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  Geschichte
 
Der Sinto Anton Reinhardt als Zwangsarbeiter in Nürtingen - 24.7.2017
Denk Ort (13): Die Geschichte vom „Menschenglauben“

  Am „Denk Ort“ an der Nürtinger Kreuzkirche erinnert die Gedenkinitiative zusammen mit der Stadt nacheinander im Wechsel an einzelne Opfer und Leidtragende des Nationalsozialismus in Nürtingen. Derzeit präsentiert man dort einige Sätze zu Anton Reinhardt.

Anton Reinhardt, Jahrgang 1917, lebte in der zweiten Hälfte der 30er Jahre im Raum Kleinaspach „vom Musikmachen“. Mit seinem Vater Heinrich und seinem Onkel Karl spielte er in Gaststätten sonntags zum Tanz auf. Meistens wurden sie hierbei verköstigt, es gab Getränke, Essen und etwas Geld.

Hetze und Verfolgungsmaßnahmen

1937 stand in der Esslinger Zeitung: „Es gibt eine Zigeunerfrage in Deutschland, und es ist an der Zeit, dass diese Frage gelöst wird... Bei den Zigeunern handelt es sich um einen biologischen Fremdkörper, auf dessen zerstörerischen Einfluß unser Blut und rassemäßig harmonisch gestalteter Volkskörper zwangsläufig mit Entartung antworten müsse...“. Im Jahr darauf war in der Zeitschrift des Deutschen Ärztebundes zu lesen: „Ratten, Wanzen und Flöhe sind auch Naturerscheinungen, ebenso wie Juden und Zigeuner... Alles Leben ist Kampf. Wir müssen deshalb alle diese Schädlinge biologisch allmählich ausmerzen...“ So war es denn bald mit den Auftritten vorbei. Von Nationalsozialisten und so genannten „Rassenhygienikern“ wurde Anton Reinhardt als „Zigeunermischling“ eingestuft. Mit sich stetig steigernder Intensität wurde er Opfer der Verfolgungsmaßnahmen.

Im „Lager Linder“ in Nürtingen

Zunächst wurde Anton Reinhardt in Stuttgart-Münster zur Sklavenarbeit für die deutsche Rüstungswirtschaft gezwungen, und zwar für die Firma Rössler & Weissenberger. Dort musste sich Anton Reinhardt alle vierzehn Tage bei Kriminalsekretär Adolf Scheufele melden. Adolf Scheufele war der Leiter der „Dienstelle für Zigeunerfragen“ bei der Kriminalpolizeileitstelle Stuttgart in der Büchsenstraße 37, die wie die Stuttgarter Gestapo bei Juden Kontroll- und Zwangsmaßnahmen bei Sinti und Roma ausübte. Adolf Scheufele, den der Sohn Peter Reinhardt, als „bitterbösen Menschen“ bezeichnete, übte Druck auf ihn aus und drohte mit der Einlieferung nach Auschwitz-Birkenau.

1944 wurde das Werk der Firma durch Bomben zerstört und die Produktion mit den Zwangsarbeitern im „Lager Linder“ in Nürtingen fortgesetzt, auf dessen damaligen Areal heute die Alte Seegrasspinnerei, die Containerunterbringung und teilweise die Berufsschulen stehen. Dort wurde eine Baracke für die Zwangsarbeiter errichtet.

Durch das Verhalten der anderen Zwangsarbeiter nicht nach Auschwitz geschickt

Anton Reinhardt wurde gesagt: „Wenn wir niemanden finden, der nicht dieselbe Stückzahl liefert, dann lass ich Sie nicht wegbringen!“ Danach wurde die Stückzahl, die er an der Maschine machte, mehrfach überprüft. Die anderen Zwangsarbeiter überboten ihn nicht, stets hatten sie eine kleinere Menge in derselben Zeit zugeschnitten. Es waren „Franzosen, Holländer, ein Litauer, ein Ukrainer, Polen“. Sie wollten ihn nicht überbieten. „Damit haben sie ihn geschützt!“, sagte sein Sohn Peter Reinhardt, der diese und die folgende Überlieferung Geschichten vom „Menschenglauben“ nennt.


Ein Nürtinger Arzt erweist sich als Rettung

In Nürtingen spielte ein ganz besonderer Arzt eine entscheidende Rolle. Als Anton Reinhardt einmal krank wurde, wusste er, dass dies lebensgefährlich war, nicht wegen der Krankheit, sondern wegen der damaligen Folgen des Krankseins. Denn wohin wäre er gekommen, wenn er ausgemustert worden wäre, wenn er seine Arbeitsspitzenleistung nicht mehr erbracht hätte? Er ging zu einem Nürtinger Arzt. Dieser behandelte ihn – was den Sinto Anton Reinhardt sehr erstaunte – als Mensch und fragte: „Und wo sind Ihre Verwandten, wenn Sie da als einziger im Lager sind?“ - „Die sind schon fort, in Dachau, in Auschwitz. Anfangs sind noch Briefe gekommen...“, so die Antwort. Der Arzt war sehr bestürzt, Auschwitz war ihm ein Begriff. Fortan half er ihm zu überleben.

Eines Tages sagte der Arzt, als Anton Reinhardt wieder bei ihm war: „Du, die Franzosen stehen bei Tübingen! Die Nazis in der Stadt, die hauen ab, wer weiß, was die vorher noch machen... S‘isch  Zeit, dass Du gehst!“ Dazuhin gab es Auflösungserscheinungen bei der Wachmannschaft. Der Arzt gab Anton Reinhardt sein Fahrrad, und dieser fuhr damit nachts über den Schurwald bis nach Kleinaspach, wo seine Eltern ihr „Häusle“ hatten. Wie sein Vater ist Peter Reinhardt der Überzeugung: „Dieser Arzt hat sein Leben gerettet!“ Deswegen und seiner Kameraden wegen überlebte Anton Reinhardt den Völkermord an den Sinti und Roma. Menschen wie Adolf Scheufele waren nach 1945 wieder bei der Kripo tätig. Heutzutage ist er im Buch „Stuttgarter NS-Täter“ thematisiert. Der Antiziganismus aber ist heute noch in der Bevölkerung weit verbreitet und tief verankert, zudem kaum als problematisch bewusst.

Manuel Werner
 


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