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  Geschichte
 
In Grafeneck vergast - 11.1.2018
Denk-Ort (16): Elsa S. hat den Nationalsozialismus nicht überlebt

  Am „DENK-ORT" an der Nürtinger Kreuzkirche erinnert die Gedenkinitiative zusammen mit der Stadt im Wechsel an Opfer und Leidtragende des Nationalsozialismus in Nürtingen und Umgebung. Derzeit liest man dort einige Sätze zu Elsa S.

Im Sommer 1890 wurde Elsa Emma Bertha als erstes Kind ihrer Eltern Albert und Anna Karoline S. in Sindringen (Gemeinde Forchtenberg) geboren und evangelisch getauft. Sie hatte acht jüngere Geschwister. Als ihr Vater, ein Oberlehrer, im August 1904 nach Neckarhausen versetzt wurde, kam die Familie hierher. Nach dem Tod des Vaters im Jahr 1913 zog die Mutter mit ihren Kindern in die Nürtinger Kernstadt.
Im Juli 1939 kam die Haustochter und Kinderpflegerin von Nürtingen, nach einem Zwischenaufenthalt im Krankenasyl Bethanien in Winterbach, in die private Heilanstalt Christophsbad nach Göppingen. Elsa S. war 49 Jahre alt und litt seit 15 Jahren an einer schweren psychischen Erkrankung. Am 17. April 1940 wurde sie „ungeheilt“ in die staatliche Heil- und Pflegeanstalt Weinsberg verlegt. Zu dieser Zeit fungierte auch die Anstalt Weinsberg als sogenannte Zwischenanstalt auf dem Weg in die Gaskammer. In den insgesamt acht „Zwischenanstalten“, die im ganzen Deutschen Reich eingerichtet worden waren, wurden die Patienten systematisch für den Transport in die Gaskammern erfasst und unproblematisch „weggeschafft“.

Bürokratische Vorbereitung des Massenmords

Über den Ablauf dieses ersten Transports vom Christophsbad nach Weinsberg gab ein Erlass des Innenministeriums genaue Auskunft: „Die vorgesehene Verlegung von 40 weiblichen Staatspfleglingen von Göppingen nach Weinsberg kann nunmehr nach fernmündlicher Rücksprache von Ministerialrat Dr. Stähle mit der Gemeinnützigen Krankentransport-Gesellschaft erfolgen.“ Dies war ein Tarnname für eine Abteilung, die den Transport von kranken und behinderten Menschen in die Ermordung organisierte. Konnte eine dieser Patientinnen aus schwerwiegenden Gründen nicht verlegt werden, trat an ihre Stelle eine andere, deren Name am Ende der Liste als „Zusatz“ aufgeführt war. Das Personal vom Christophsbad wurde aufgefordert, sämtliche Krankengeschichten und Personalpapiere der Kranken an die Mitarbeiter in Weinsberg zu übergeben. Anschließend sollten die Angehörigen und Kostenträger von der Verlegung verständigt werden.

Im Februar 1940 waren die Direktoren der Heime offiziell von Dr. Eugen Stähle (1890 – 1948), dem Leiter des Gesundheitsdienstes im Stuttgarter Innenministerium, über die anlaufende Euthanasie-Aktion informiert worden. Dies war ein verschleiernder und beschönigender Begriff für die Morde an solchen behinderten und kranken Menschen. Stähle war der höchste Medizinalbeamte Württembergs und für die Organisation der sogenannten Euthanasie zuständig. Er soll maßgeblich an der Auswahl des sich auf der Alb befindenden Schlosses Grafeneck als Tötungsanstalt beteiligt gewesen sein und war dort wohl mindestens einmal bei Vergasungen von Frauen anwesend. Als trotz aller Geheimhaltungsbemühungen die Krankenmorde in der Bevölkerung bekannt wurden, soll er gegenüber Vertretern der Kirchen gesagt haben: „Das 5. Gebot: Du sollst nicht töten, ist gar kein Gebot Gottes, sondern eine jüdische Erfindung.“

Vergeblicher Rettungsversuch

Vermutlich hatte auch die Familie von Elsa S. von den Gräueltaten auf der Alb gehört. Noch im Oktober 1940 unternahmen ihre Geschwister den Versuch, Elsa von Weinsberg nach Hause zu holen. Ihre jüngere Schwester begründete die Entlassung mit der eingetretenen Besserung der Erkrankung, woraufhin die Anstaltsleitung den Antrag der Familie mit der Begründung ablehnte, man müsse erst abwarten, „ob die eingetretene Besserung anhalte“.
Am 10. Dezember 1940 wurde Elsa S. in Weinsberg entlassen oder „verlegt“, wie der offizielle Begriff für diese Art Entlassung lautete. Über die letzte Verlegung ihrer Schwester wurde die Familie zuvor nicht informiert. Auch ist auf ihrem Patientenblatt nicht dokumentiert, wohin man sie entlassen hat. Auf der Transportliste, die heute noch erhalten ist, ist zwar ihr Name zu finden, ein Zielort wurde aber auch hier nicht vermerkt. Der 17. 12. 1940 ist als ihr „offizieller“ Todestag in Grafeneck beurkundet.

Verschleierung der Mordaktion

Da die Patienten in der Tötungsanstalt in der Regel am Tag ihres Eintreffens ermordet wurden, fälschte man dort die Daten, um eine möglicherweise in der Öffentlichkeit bekannt werdende Häufung von Todesfällen zu vermeiden. Zusammen mit einer fiktiven Todesursache erhielten die Angehörigen ein Beileidsschreiben, in dem es unter anderem hieß, dass die Leiche aus seuchenpolizeilichen Gründen verbrannt worden sei. Allein im Monat Dezember 1940 wurden in Grafeneck mehr als 500 Personen vergast, im gesamten Jahr 1940 waren es mehr als 10.000 körperlich- und geistig behinderte Menschen, die dort Opfer dieser furchtbaren Vernichtungsaktion wurden.
Laut Nazi-Regime und dessen Begrifflichkeit sollten all die „nutzlose Esser und Ballastexistenzen ... ausgemerzt“ werden, „die in Irrenhäusern ... verwahrt und für das Reich von keinem Nutzen mehr waren“. Besonders nach Kriegsbeginn hatte die Forderung Hitlers, Ärzte, Pfleger, Krankenbetten und andere Einrichtungen für kriegswichtige Zwecke „freizustellen“, höchste Priorität.

Als Familie S. im Dezember 1940 die Nachricht von Elsas Tod erhielt, wurde sie auch darüber informiert, dass ihre Tochter und Schwester angeblich an „einer plötzlich eingetretenen Gehirnhautentzündung“ gestorben sei. Eine ihrer Schwestern war nach dem Krieg vom gewaltsamen Tod Elsas überzeugt, denn in einer heute noch vorhandenen Akte ist genau das dokumentiert, was die Familie vermutet hatte und was letztlich zur traurigen Gewissheit wurde, dass nämlich Elsa „in Grafeneck ermordet worden ist, wie so viele andere, die das gleiche Schicksal dort erlitten“.

Anne Schaude

Dieser Artikel ist der 16. im Rahmen der Serie. Mehr über Elsa S. und andere NS-Verfolgte kann man auf der Webseite www.gedenken-nt.de erfahren.


 


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