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  Geschichte
 
Johann Reinhardts vergeblicher Kampf um Rückgabe - 29.3.2019
„Futt isch futt!" hieß es im Herkunftsdorf

  Am „Denk Ort“ an der Nürtinger Kreuzkirche erinnert die Gedenkinitiative zusammen mit der Stadt nacheinander im Wechsel an einzelne Opfer und Leidtragende des Nationalsozialismus in Nürtingen und Umgebung. Derzeit präsentiert man dort einige Sätze zu Johann Reinhardt.

Der Sinto Johann Reinhardt, Jahrgang 1915, war der einzige Überlebende seiner Familie. Seit Ende der 60er Jahre forderte er von der Gemeinde Allmendingen ein Waldgrundstück zurück.

Musikant, Pferdehändler, Korbmacher

Seit 1827 hatten Sinti in Allmendingen gewohnt. Vor der Nazizeit hatte Johann Reinhardt in Altheim und in Allmendingen gleichaltrige Freunde. Mit seinem Vater Gottlob, seinem Onkel Anton und seinem Halbbruder Karl Winter machte Johann Reinhardt in Gaststätten in Allmendingen und Umgebung Musik. Eine zweite Einnahmequelle war der Pferdehandel. Zudem war Johann Reinhardts Vater Korbmacher, ein Beruf, den auch Johann und Karl erlernten. Familie Reinhardt wohnte in einem einstöckigen Blockhaus auf einem Grundstück zwischen Altheim und Allmendingen am Hailenberg. Es war um die zehn Meter lang und um die sechs Meter breit. Das Wäldchen, in dem das Blockhaus stand, liegt heute hinter dem Feldkreuz an der Straße von Allmendingen nach Altheim.

Allmendingen weist seine Sinti aus

Im Oktober 1935 mussten die Sinti auf Betreiben der beiden Dörfer das Grundstück sofort räumen und wegziehen. Ein Polizist überwachte den Abzug. Nur was die Familie in einem Bündel mittragen konnte, blieb damals im Besitz der Familie. Der 23jährige Johann Reinhardt wurde in das KZ Dachau verbracht, bei seinem "Zugang" in Dachau ist der Kommentar "Kripo" vermerkt. Was wenige wissen: Die Kripo war - ähnlich der Gestapo bei Juden - die Behörde, die Sinti und Roma in der NS-Zeit verfolgte. Sein Vater wurde ungefähr zehn Monate nach seiner Einlieferung im KZ Dachau ermordet.

In den Steinbrüchen von Mauthausen

Johann Reinhardt und sein Halbbruder Karl Winter wurden am 21. März 1939 aus dem KZ Dachau in das Konzentrationslager Mauthausen verlegt. Der Mutter Johanna und der Schwester Anna gelang es zunächst zusammen mit deren Kleinkind, zu Verwandten nach Weil im Schönbuch zu entkommen. Doch bei einer Razzia wurden sie aufgegriffen, nach Auschwitz-Birkenau überführt, dort ermordet. Johann Reinhardt überlebte sieben Jahre Zwangsarbeit in den berüchtigten Steinbrüchen. Als die amerikanische Armee ihn befreite, wog er 39 Kilo.

Ein stolzer Mann

Johann Reinhardt arbeitete wieder als Musiker. Er heiratete und wohnte in Nürtingen. Gesundheitlich war er schwer angeschlagen. In den 50er-Jahren stellte Johann Reinhardt als damals „rassisch Verfolgter“ einen Antrag auf Entschädigung, in dem er auch das Grundstück bei Allmendingen erwähnte.
Doch 1991 entschied die Gemeinde Allmendigen, Johann Reinhardt das Grundstück nicht zurückzugeben. Sie bot ihm eine einmalige Entschädigung von 10.000 DM an. Die Landesschau hierzu: "Die Räte kamen zwar zu dem Schluss, dass damals Unrecht geschehen war. Aber sie haben Angst, wenn man das Grundstück zurückgebe, könnten dort wieder Zigeuner ansiedeln." Johann Reinhardt lehnte es ab, die 10.000 DM anzunehmen. Die Landesschau wertete dies so: "Er empfindet das, was die Gemeinde heute mit ihm macht, wieder als Folter, als seelische ... Johann Reinhardt ist ein stolzer Mann, er will das Grundstück". Ein Allmendinger Bürger sagte dazu im Länderspiegel vom April 1991: "Futt isch futt". Das heißt: "Fort ist fort!".

Allmendinger Fasnetsgruppe: Angemessene Erinnerung?

Johann Reinhardt starb 1993. Heute noch äffen Allmendinger in ihrer "Fasnet" als "Zigeunergruppe Allmendingen" unter dem Motto "I be a Zigeiner" die Sinti nach, die bei ihnen gelebt hatten, die sie vertrieben hatten, von denen die meisten nicht überlebt hatten. Weit mehr noch aber sind es Klischees und Stereotype in ihren Köpfen, die sie fröhlich nachäffen, auffällig zur Schau stellen und multiplizieren. Bei einem Pressebesuch in der Nürtinger Wohnung von Johann Reinhardt stellte ein Verwandter die rhetorische Frage, ob sich irgendwo in Deutschland wohl eine Fasnetgruppe "Die Juden" halten würde, die in ähnlicher Weise vorginge. Seine Antwort: "Ganz sicher: Nein!"

Text: Manuel Werner

Dieser Artikel ist der 22. im Rahmen der Serie „Denk Ort“. Mehr über Johann Reinhardt kann man auf der Webseite www.gedenken-nt.de erfahren.



 


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