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  Geschichte
 
Geschichte(n) rund um die Kirchheimer Vorstadt und die Seegrasspinnerei - 7.7.2007
Gespräche im Café Seegras

 

(pm) „Vor 50 Jahren arbeitete auf diesem Gelände der Trägerverein Freies Kinderhaus. Doch Kinder hat man hier schon lange nicht mehr gesehen. Heute werden hier Microchips produziert, die zur Überwachung ihrer Träger unter die Haut implantiert werden.“ Mit dieser geradezu apokalyptischen Zukunftsvision begrüßte Moderator Thomas Oser am vergangenen Samstag seine Gäste im Café Seegras und betonte damit zugleich sehr pointiert die Vergänglichkeit der Zeit. “Wer weiß, vielleicht hat man uns in 50 Jahren auch völlig vergessen“, sinnierte Julia Rieger, Geschäftsführerin des Trägervereins denn auch, machte aber rasch deutlich, dass der Trägerverein seinerseits keineswegs vorhat, die Geschichte zu vergessen, sondern im Gegenteil, darum bemüht ist, sie besser kennen zu lernen. „Wir werden oft gefragt, was ist das hier für ein Areal? Welche Funktion hatten die ganzen Gebäude?“ Selbst neugierig geworden, hat der Verein mit finanzieller Unterstützung des Fonds Soziokultur das Projekt „Geschichte der Alten Seegrasspinnerei“ initiiert.

Im Kontext dieses Projektes fand zwei Wochen lang das Innenhofprojekt für Kinder und Jugendliche unter dem Motto „Vor 100 Jahren... ein Ausflug in die Zeit um 1900“ statt. Ebenfalls im Rahmen dieses Geschichtsprojektes erforscht die Nürtinger Historikerin Petra Garski-Hoffmann derzeit die Geschichte des Geländes. Sie gehörte auch zu den Gästen, die Thomas Oser zum Thema „Früher in der Seegrasspinnerei“ eingeladen hatte, um über ihre bisherigen Ergebnisse zu erzählen. Anhand einiger Bilder skizzierte sie zunächst die Entwicklung der Seegras- und Rosshaarspinnerei C.G. Schmid, später Schmid & Müller und unter dem Namen „Schmid Söhne“ noch heute in der Kirchheimer Vorstadt ein Begriff. Dabei ging sie vor allem auf die Anfänge in der Plochinger Straße und den Bau des denkmalgeschützten Gebäudeensembles auf dem Areal ein. Die Firma Schmid & Müller, die ab 1886 auch in die Möbelproduktion einstieg, expandierte rasch und das “Etablissement” galt 1888 als “das größte seiner Art in Deutschland”. Es exportierte 1893 “sämtliche Artikel nach allen Ländern der Erde” und beschäftigte 160 Arbeiter. Trotz dieser Erfolgsstory konnte sich das Schmid'sche Möbelunternehmen auf Dauer nicht halten. Es waren wohl vor allem Absatzprobleme – kaum jemand konnte sich in den wirtschaftlichen Krisenjahren der Weimarer Republik die hochwertigen Möbel leisten – und ein verheerender Brand 1929, die dazu geführt haben, dass ein großer Teil des Unternehmens 1937/38 an die Stuttgarter Büromöbelfabrik Alex Linder verkauft wurde.

Nur kurz streifte Petra Garski-Hoffmann die Firmengeschichte der Alex Linder GmbH, denn zu diesem Thema hatte Thomas Oser mit dem ehemaligen Marketing-Leiter Hanns Biering einen kompetenten Gast eingeladen, der die Geschicke des Unternehmens seit den sechziger Jahren über Jahrzehnte miterlebt hatte. Auch über die Kriegszeit wusste er viel zu erzählen, als die Metallabteilung von Linder Teile für die Luftwaffe produzieren musste und die Holzabteilung Bombenkisten herstellte, “die meist als Soldatensärge wieder zurückkamen”. Unterstützt von Osers Gast Hermann Gneiting berichtete er auch von den Kriegsgefangenen, die auf dem Gelände untergebracht waren und offenbar recht gut behandelt wurden. Im Gegenzug dafür hätten sie sich bei Kriegsende für das Unternehmen eingesetzt und dieses vor Plünderungen beschützt. 1964 wurde das Linder-Zweigwerk in Frickenhausen eröffnet, Mitte der siebziger Jahre zog das gesamte Unternehmen nach Frickenhausen. “Das wurde Zeit! Wir waren damals froh, aus dem alten Kasten rauszukommen und haben uns manchmal regelrecht geschämt, wenn wir internationalen Besuch hier empfingen” erinnerte sich Hanns Biering und berichtete von gefährlich knarrendem Gebälk und den aufgrund des Ensebleschutzes vergeblichen Bemühungen, eine Abrisserlaubnis zu bekommen. “Das war natürlich unser Glück”, freute sich Julia Rieger, “denn sonst wäre dieses Fabrikgelände nicht für den Trägerverein Freies Kinderhaus zur Verfügung gestanden.” Seit 1991 ist hier die Kinder-Kultur-Werkstatt aktiv und bietet Schulkindern vielfältige Möglichkeiten, sich kreativ, experimentell und im Spiel zu betätigen. Momentan saniert die Jugendwerkstatt das letzte der drei unter Ensembleschutz stehenden Häuser.

Welche interessanten Objekte die Kinder mit den Pädagogen der Kinder-Kultur-Werkstatt während des Innenhof-Projektes aus Seegras hergestellt haben, konnten die Zuhörer an diesem Abend ebenfalls bewundern und be-greifen, als Julia Rieger einige kleinen Kunstwerke und Zöpfe aus Seegras herumreichte. Was es mit dem Material Seegras auf sich hat, wo es wächst – nämlich auf feuchten Wiesen ­–, welche Eigenschaften das Sauergrasgewächs „Carex Brizoides“ mit sich bringt und wie es verarbeitet wird, vermittelte Kurt Alber den Gästen in der gut gefüllten Kulturkantine sehr anschaulich. Er beschrieb das Seegras als gut zu verarbeitendes Material, das auch in unserer Gegend wächst, allerdings nicht die allerbesten Eigenschaften als Polstermaterial besitzt. Deshalb war Seegras immer das „Material der armen Leute“. Dies konnte Karl Trüdinger bestätigen, der als Sohn eines Polsterers als Kind kräftig bei der Seegrasverarbeitung hat mithelfen müssen.

Wiederum eingeleitet durch einige alte Fotos, wurde der räumliche Radius nach der Pause ausgeweitet, als es um die gesamte Kirchheimer Vorstadt ging. Hier konnte vor allem Herr Gneiting manches über das Kriegsende, die Gaststätten und den Alltag in der Kirchheimer Vorstadt berichten. Auch nach Veranstaltungsende blieben etliche Gäste noch da, um sich mit ihm an die Kirchheimer Vorstadt in früheren Zeiten zu erinnern. Zu diesem Thema ist unter dem Titel „Rückblicke“ in der Kulturkantine zu den üblichen Öffnungszeiten auch eine Ausstellung zu sehen, die von Petra Garski-Hoffmann zusammengestellt wurde – eine Ausstellung, die durchaus noch „mitwachsen“ kann, sofern Bewohner der Kirchheimer Vorstadt alte Aufnahmen zur Verfügung stellen, denn an Bildern aus dem Alltagsleben der Menschen mangelt es bisher.

Umrahmt wurde der Abend von den beiden Musikern Katharina Gauger und Frank Kilchert, die die Gäste mit Samba und Bossa Nova auf Gitarre und Querflöte unterhielten. Was hatte diese Musikwahl mit dem Thema zu tun? Thomas Oser stellte den Bezug her: Vor hundert Jahren kamen die Rosshaare für die Firma Schmid & Müller aus Argentinien, an diesem Abend war's die Musik für die Gäste der „Alten Seegrasspinnerei“.

Als nächste Aktion zur Geschichte der Alten Seegrasspinnerei lädt der Trägerverein Freies Kinderhaus alle kleinen und großen Geschichtsforscher dazu ein, die Bilder von früher zum Anlass zu nehmen und auf die Suche nach dem heutigen Aussehen zu machen. Eingereichte Fotos vom heutigen Aussehen und natürlich gezeichnete Zukunftsvisionen werden die Ausstellung, die noch bis Mitte Oktober in der KulturKantine hängen wird, ergänzen.


 


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