Forum

  Nachrichten
Kommunalpolitik
Politik
Umwelt
Kultur
Stattzeitung aktuell
Sport
Nürtingen global
Jugend
Personalia
Verkehr
Arbeitswelt
Soziales
Geschichte
Bauen
Presseschau
Wirtschaft
Kurznachrichten
Zukunftsfähiges NT
NTegration
Foto der Woche
EssBar
LesBar

  
Terminkalender
Veranstaltungen
Ausstellungen

  
Kulturtipps
Kneipentest
Bücher
Filme
Musik
Lyrik
Reisen
Hörbücher
NTouren
NThörBar
Musikmachende

  Schatzkästle
Fotogalerie
Fortsetzungsroman
Links
Was kochsch du?
Gabi Zapf (Roman)
Fundgrube
Rundschlag
Jahreszeiten
Hausmittel

  Über uns


 

  Geschichte
 
Baugeschichte des Hölderlinhauses - 3.3.2009
Nach dem Gutachten des Bausachverständigen Johannes Gromer

 

(th) Anlässlich eines geplanten Neubaus des Hölderlinhauses wurde von dem Bauhistoriker Johannes Gromer ein Gutachten über die Baugeschichte des Gebäudes erstellt, dessen interessante Ergebnisse wir unseren Leserinnen und Lesern nicht vorenthalten wollen.

Das Hölderlinhaus steht an der Stelle des ehemaligen Schweizer Hofes, den der herzogliche Landbaumeister Heinrich Schickhardt im 17. Jahrhundert zu Beginn des dreißigjährigen Krieges entworfen hatte. Der Schweizer Hof diente zu allererst der Versorgung des südlich angrenzenden Schlosses mit landwirtschaftlichen Produkten. Vermutlich hatte er aber auch verteidigungspraktische Zwecke gegen vom Neckar her in die Stadt eindringende Angreifer. Wer in der steilen, engen Neckarsteige das Schussfeld des Schlosses, auf dem später der Schlossgarten entstand, hinter sich gebracht hatte konnte, wenn er am Schweizer Hof vorbei gekommen ist, mehr oder weniger ungehindert in die Stadt gelangen. Ziemlich genau an dieser strategisch wichtigen Stelle gelingt es auch an manchem Maientag subversiven Bomboleswerfern den Festzug aufzuhalten. Der Bausachverständige mutmaßte auch, dass der Schweizer Hof möglicherweise außerdem höfischen „Schäferspielen“ diente. Von dem Schickhardtschen Gebäude ist nur noch ein Teil des über zwei Stockwerke gehenden 7 m hohen Gewölbeskellers erhalten. Auf Grund seiner Bauweise ist es möglich, dass das Gewölbe noch älter ist und Teil einer mittelalterlichen Vorburg an dieser Stelle war, der von Schickhardt weiterverwendet wurde.

Im 18. Jahrhundert wurde das Schloss nur noch sporadisch genutzt und ebenso wie der Schweizer Hof langsam aber sicher baufällig. 1748 erwarb der Spitalmeister Jakob Friedrich Duttenhofer den Schweizer Hof, ließ ihn bis auf den Gewölbekeller abreißen und an seiner Stelle einen Neubau errichten. Der wurde zwar beim Stadtbrand 1750 vernichtet, aber Duttenhofer baute ihn sofort wieder neu auf. Die ersten beiden Stockwerke mit dem Gewölbekeller standen nur zur Neckarsteige hin frei und bildeten den Keller des Hauses. Der dritte Stock beherbergte die „Belle Etage“ des Bürgerhauses, das mit einem zweistöckigen Mansarddach gedeckt war. Dies wurde die Wohnung der Familie von Christiane Hölderlin/Gok. Auf der Nordseite der Belle Etage zur Neckarsteige hin befand sich in der Tiefe der heutigen Räume eine Zimmerflucht aus je einer beheizten Wohnstube und Schlafkammer im Osten und Westen mit einer kleinen Kammer zwischen diesen beiden Bereichen. Johannes Gromer vermutet, dass im östlichen Wohnteil Christiane Gok und im westlichen Teil ihre Mutter, die „Großmutter Heym“ gewohnt hat. Der Raum dazwischen diente vermutlich den kleineren Kindern als Schlafkammer. Südlich des Flurs befand sich im Osten eine Stube, in der die Familie Hölderlin wohl gegessen hat, und die Küche mit Speisekammer. Im Westen lag eine große Kammer, möglicherweise für die Mägde. Im Südteil schließlich war die Back- und Waschküche, der Abort und eine Gesinde-Stube. Auch an den Giebelseiten des ersten Dachgeschosses waren Zimmer eingerichtet. Möglicherweise bewohnten die größeren Kinder der Familie Hölderlin/Gok, Friedrich, Rieke und Karl die Räume des Ostgiebels mit Blick auf das Gärtlein. In den beiden Untergeschossen befanden sich möglicherweise die Geschäftsräume der Weinhandlung Gok.

Christiane Gok verkaufte das Anwesen schließlich an einen Bäcker, der die beiden unteren Geschosse für seine Bäcken-Wirtschaft „Zum Waldhorn“ mit darüber liegender Wohnung aus Stube, Kammer und Küche umbaute. Im Jahr 1811 wurde das Gebäude schließlich von der Stadt erworben, die darin im folgenden Jahr eine Schule einrichtete. Im ersten Dachgeschoss wurde der bisher offene Mittelbereich durch Zwischenwände in zwei Schulräume aufgeteilt, für deren Belichtung sechs Mansard-Gaupen in das Dach eingesetzt wurden. In der Belle Etage wurde die Mägdekammer und die Back- und Waschküche durch Entfernung der Zwischenwand in ein großes Schulzimmer umgewandelt. Ebenso entstanden aus der Zimmerflucht der Wohnung durch die Entfernung von drei Wänden zwei große Schulzimmer für je 100 Kinder. Die tragende statische Aufgabe der nun fehlenden Wände übernahm ein Mittellängszug auf drei Holzsäulen. In den folgenden Jahren diente das Gebäude als Schule, Suppenanstalt und wieder als Knaben- und Industrieschule sowie als Präparantenanstalt.

Größere Umbauten standen in den Jahren nach 1880 an. Die Nordwestecke des schickhardtschen Gewölbekellers war baufällig geworden, vermutlich weil ihr nach dem Bau der Steige zur Schlossgartenstraße im Westen das statische Widerlager im Gelände fehlte. Die nördliche Hälfte des Kellers wurde daher abgerissen und die Außenwände ohne Rekonstruktion des Tonnengewölbes wieder aufgebaut. Stattdessen wurde auf Höhe des ersten Untergeschosses eine Decke aus Stahlträgern eingezogen, auf der ein weiterer Schulraum entstand. Diese Decke ruht auf zwei Unterzügen, die auf der Zwischenmauer des Windfangs des Kellereingangs liegen. Im dritten Stockwerk wurden die Holzsäulen in den beiden Schulräumen von 1812 durch gusseiserne Säulen mit neuen Unterzügen ersetzt. Auch an der Ostseite wurde eine Steige von der Neckarsteige zur Schloßgartenstraße gebaut. Dadurch konnte ein direkter Zugang in die Kleinkinderschule im ersten Untergeschoss eingerichtet werden.

1904 wurde schließlich das zweistöckige Mansarddach abgerissen und durch ein 1. Obergeschoss als viertes Stockwerk und ein Walmdach ersetzt, wodurch das Gebäude seine heutige, unhistorische Form bekam, die den Eindruck erweckt, es sei nichts geschichtlich wertvolles an ihm dran. In dem neuen Obergeschoss entstanden für die Knabenschule ein ca. 100 m² großer Zeichensaal zur Neckarsteige hin und zwei weitere Klassenzimmer. Im 1. Untergeschoss hatte die Kleinkinderschule bereits Platz für zwei Lehrerzimmer gemacht.

1921 wurde die Knabenschule als Hölderlinschule benannt, aus der 1970 das Hölderlingymnasium wurde. In dieser Zeit wurde im neueren Nordteil des Kellers eine Ölzentralheizung mit Kamin bis übers Dach eingebaut. Der Öltank wurde im südlichen Gewölbekeller untergebracht. In diesem Zusammenhang wurden wohl die Einzelkamine aus der Zeit von 1750 abgebrochen. Im zweiten Untergeschoss wurde die ehemalige Bäcken-Wirtschaft durch den Einbau der Toilettenanlage bis zur Unkenntlichkeit verändert. Den gleichen Effekt hat der Einbau der Treppenanlage durch die zwei Untergeschosse ins Erdgeschoss.

Für die aktuelle Nutzung als Volkshochschulgebäude wurde verschiedene Leichtbauwände eingezogen und Musikübungsräume im Dach eingerichtet. Außerdem wurden in den vergangenen 100 Jahren die Dachdeckung, Fenster und Türen erneuert sowie Wasser-, Elektro- und Heizungsinstallationen vorgenommen.

Das heutige Gebäude enthält also als ältesten Teil den südlichen Gewölbekeller des schickhardtschen Schweizer Hofes aus dem 17. Jahrhundert. Von dem Nachfolgerbau, den Duttenhofer im 18. Jahrhundert errichten ließ, sind noch der größte Teil des Rohbaus des Erdgeschosses, in dem auch die Familie Hölderlin/Gok gewohnt hat, und die Fassadenrohbauten des 1. Stocks der Ostfassade sowie der Osthälfte der Untergeschosse zur Neckarsteige hin erhalten. Die Westhälfte der Untergeschosse stammt überwiegend vom Ende des 19. Jahrhunderts, der 1. Stock im Wesentlichen vom Anfang des 20. Jahrhunderts, die Dachdeckung und die Fenster stammen aus dem weiteren 20. Jahrhundert. Die ältesten baulichen Details sind das Werksteingewände an der ehemaligen unteren Haustür des duttenhoferschen Baus an der Neckarsteige, wo sich inzwischen nur noch ein Fenster befindet, die Bauinschrift des duttenhoferschen Hauses und möglicherweise Stuckelemente in den herrschaftlichen Wohnräumen im Erdgeschoss. Prägend sind hingegen die Bauelemente aus dem späten 19. Jahrhundert, aus dem die gusseisernen Säulen mit stuckierten Stahlträger-Unterzügen im Erdgeschoss und 2. Untergeschoss, die Treppe vom Erdgeschoss ins 1. Obergeschoss sowie umlaufende Holzlamberien unter den Fenstern stammen.

Der Bauhistoriker bedauert vor allem den Verlust des historischen Mansarddaches durch den das Gebäude seine ursprünglichen Proportionen verloren hat. Er plädiert auch für eine Wiederherstellung der klaren Gliederung, die durch den Umbau 1884 entstanden ist, und möglichst authentischer Fenster, Fensterläden, Putzflächen, Fußböden und Dachdeckungen.


 


Anzeigen




Impressum
© 2004-2017 Nürtinger STATTzeitung