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  Umwelt
 
Atomkatastrophe: Flüchtlinge in Nürtingen - 13.12.2009
Was haben wir aus Tschernobyl gelernt? Bürgerschaftliche Katastrophenschutzübung des Aktionsbündnisses Energiewende Heilbronn

 

(mw) Zahlreiche Menschen, die einen mit Hamsterkäfig, andere mit Rasierschaum im Gesicht, im Nachthemd, oder mit Schutzdecke umhüllt, quollen auf dem Nürtinger Bahnhof aus dem Zug, der von Stuttgart auf Gleis 1 angekommen war. Eiligst hatten sie schnell das Notwendigste zusammengerafft um nach Nürtingen zu flüchten.

Ein Mann mit einem Blaulicht auf dem Kopf „dekontaminierte“ die „atomar verseuchten“ Flüchtlinge, die erst danach eine gelbe Linie Richtung Innenstadt überschreiten durften. Mit Spruchtafeln, Transparenten und Flugblättern informierten sie über die Anliegen des Demonstrationszuges.

Es ist wirklich wahr: Im Falle einer bedrohlichen Havarie im Atomkraftwerk Neckarwestheim sehen Pläne der Katastrophenschutzbehörde des Regierungspräsidiums Stuttgart vor, ganz Horkheim nach Nürtingen zu evakuieren und dort unterbringen zu lassen. Denn dieser Heilbronner Stadtteil liegt in der 8 km-Zone um das Atomkraftwerk Neckarwestheim. Und so hatte das „Aktionsbündnis Energiewende Heilbronn“ zusammen mit Organisatoren der Nürtinger Natur- und Umweltschutzverbände (NABU und BUND) sowie der Regionalgruppe der IPPNW (verkürzt: Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges) als Vertreterin des Arbeitskreises der Nürtinger Friedenswochen diese Demonstration organisiert, die wir mit konkreter Darlegung des Hintergrunds und des fiktiven Planspiels angekündigt hatten.

Der Demonstrationszug hielt auf dem Schillerplatz in Nürtingen an. Dort sangen die Teilnehmer das Lied „Katastropheneinsatzplan“ von Gerd Schinkel, in dessen Verlauf sich die Strophe „Es besteht kein Grund zur Aufregung, alle Maßnahmen zur Beseitigung der Störung und ihrer Folgen sind schon im Gange - bleiben Sie ruhig - es dauert nicht lange“ wandelt in: „Es besteht schon Grund zur Aufregung. Die Gefahren warten auf Beseitigung. Sie drohen uns allen – wer weiß schon wie lange... die Katastrophe ist vielleicht schon im Gange...“.

Im Rathaus begrüßte OB Heirich die „Atomflüchtlinge“: Jetzt sei genau das passiert, was viele sich nicht vorstellen konnten. Man könne sich nur an den Kopf fassen, dass heute in Deutschland wieder eine Renaissance der Atomkraft mit Laufzeitverlängerungen angestrebt werde. Die Botschaft der dafür verantwortlichen Politiker sei, die Atomkraftwerke seien so sicher, dass nichts passieren könne. Sie wollen die Atomkraft mit falschen Informationen wieder hoffähig machen. So sei die Mär der billigeren Strompreise bei den Verbrauchern nicht angekommen und die Gewinne seien nicht in erneuerbare Energien gesteckt worden. Darauf wäre es damals aber angekommen und genau das sei nicht passiert. Er appellierte an die Nürtinger, die Atomflüchtlinge aufzunehmen, wies aber darauf hin, dass im tatsächlichen Ernstfall die Nürtinger sicher selbst auf der Flucht seien.

Danach legte Pfarrer Koring als Sprecher der Evakuierten aus Heilbronn dar, dass die Gefahr nicht auf einen Umkreis von 8 km beschränkt sei, wie es der Katastropheneinsatzplan voraussetze. Koring hatte sich aus Alufolie eine Narrenkappe gebastelt und aufgesetzt, nicht weil diese Aktion närrisch sei, sondern um zu zeigen, wie närrisch die Politik mit der Gefahr umgehe. Er endete mit der Gretchenfrage: „Was haben wir aus Tschernobyl gelernt?“

Hans Wagner, der mit seinem Blaulicht auf dem Kopf die Rolle des hilflosen Helfers gespielt hatte, machte klar, dass die Wolken der strahlenden Staubpartikel keine Evakuierungszonen kennen und forderte, die Atomkraftwerke abzuschalten, dann sei so eine Flucht nicht nötig. Atomkraftwerke nutzen überhaupt nichts für das Klima, im Gegenteil hinderten sie die Entwicklung alternativer Energien. Dieses Klimaargument der EnBW sei verlogen. Doch viele gingen diesem auf den Leim. Auf Kosten der Allgemeinheit verdienten sich die Betreiber eine goldene Nase nach der anderen. Dazu werde das Thema der Folgen einer Atomkatastrophe in Deutschland tabuisiert.

Mit einer überdimensionalen Jod-Tabletten-Schachtel veranschaulichte Dr. Erwin Müller von der IPPNW was den Leuten vorgegaukelt werde. Jod-Tabletten seien kein Allheilmittel oder Schutz, beugten lediglich Schilddrüsenkrebs – einem Teilaspekt – vor, aber auch nur wenn sie rechtzeitig genommen würden, und sie dürften gar nicht von jedem genommen werden. Ansonsten seien sie ein Placebo. Zu den umrissenen Grenzen der Evakuierungszone gab er zu bedenken: „Beim GAU von Tschernobyl war neben der direkten Umgebung das 200 km entfernte Gomel fast gleich stark von radioaktiver Verseuchung betroffen.“ In der ehemaligen UDSSR seien 160.000 Qudratkilometer von Kontamination betroffen gewesen. Der Umkreis von 8 bis 10 km um das Atomkraftwerk Neckarwestheim sei somit absolut willkürlich festgelegt. Das radioaktive Inventar der deutschen AKWs sei dazu noch größer als das in Tschernobyl der Fall war. Zu den Schäden an Menschen nannte Dr. Erwin Müller ein konkretes Beispiel: „Von den etwa 800.000 Liqudatoren waren nach 20 Jahren 50.000 bis 100.000 gestorben, etwa 500.000 seien Invalide, vorzugsweise mit Krebs und Leukämie, aber auch mit allen möglichen sonstigen körperlichen sowie psychischen Erkrankungen.“
Nach fundierten Schätzungen im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums sei die Schadenshöhe eines Super-GAU in Deutschland für Gesundheits-, Sach- und Vermögensschäden auf 5.000 bis 12.000 Milliarden Euro zu beziffern. AKWs seien aber jeweils nur mit 2,5 Milliarden Euro haftpflichtversichert. Dieser Beitrag decke höchstens 0,1 % dieser Schäden ab. Jeder andere Industriebetrieb und jeder Autofahren müsse jedoch eine volle Haftpflichtversicherung nachweisen. Unzählige Menschen verlören ihre Lebensgrundlagen.
Dr. Müller machte unmissverständlich klar: „Auch in einem deutschen Atomkraftwerk ist eine Katastrophe, ein Super-GAU, zu jeder Zeit möglich, denn mit ihren Katastrophenplänen stellen sich die verantwortlichen Ministerien ... auf den Super-Gau ein.“ Diese würden aber nicht geübt. „Eine Gesellschaft, die sich einreden lässt, ihr Wohlstand hinge von der Atomindustrie ab, und sich einbildet, in guter Nachbarschaft mit AKWs leben zu können, riskiert den Tanz auf dem Vulkan“, so Dr. Müller. Der einzige Schutz vor den Folgen eines „kerntechnischen“ Umfalls sei die Vorbeugung, und das könne nur heißen: „Festhalten am Ausstieg aus einer nicht verantwortbaren Technologie!“. Hier applaudierten die Zuhörer in besonderer Weise. Ausstieg müsse aber auch heißen – so Dr. Müller – Energie intelligent zu nutzen, alternative Energiegewinnung schnell auszubauen und den maßlosen „Energieverbrauch drastisch einzuschränken“, um Atomkraftwerke überflüssig zu machen.

 


 


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