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Kapitel 6
 

Emden, Empfangsgebäude Fährhafen, 19 Uhr 30. Vor dem einzigen besetzten Schalter hatte sich eine ansehnliche Menschenschlange gebildet, an vorgerückter Stelle ein kahlköpfiger, schnauzbärtiger Herr, der augenrollend mit seinem gewaltigen Wanst ein kleines graues Männlein vor sich herschob. Gsälzle empfand die Bauchtrommel im Rücken und auch die ungewohnte Schlaffheit in den Knien keineswegs als unangenehm, es stellte sich sogar eine gewisse Heiterkeit ein, als sein Blick durch die große Glaswand auf ein futuristisch anmutendes Schiff mit dem leuchtend blauen Namen „Nordstern“ fiel. „Ist das unser Schiff nach Borkum?“ fragte Gsälzle, während er einem Uniformierten die beiden Tickets überreichte. „Äh, nich ganz“, erwiderte dieser freundlich. “Das ist der Schnell-Katamaran nach Borkum. Sie aber haben die billigste Tour gelöst. Das Autofährschiff auf Anleger 2. Dauert doppelt so lang.“ Er wies nach rechts auf einen zweiten Ausgang.

„Immer die Sparerei! Schissdreck!“, fauchte Schleckslis und griff nach seinen Koffern. Ein forscher Wind schlug den beiden auf dem Weg zum Anleger entgegen. Dort wartete ein bejahrtes Fährschiff mit aufgeklapptem Heck. Über eine Landungsbrücke verließ gerade dröhnend ein letzter Lieferwagen den Laderaum. Nun rollten in Gegenrichtung drei PKW in den Schiffsbauch, gefolgt von zwei kofferbeladenen Gestalten. Eine Weile standen sie ratlos und verloren zwischen den Autos. Es roch nach Öl und Abgasen. „Nach oben!“, kommandierte Gsälzle, der bereits einen Teil seiner Stimmgewalt eingebüßt hatte und deutete auf eine eiserne Treppe, die nach vorne ins Passagierdeck führte.

Kaum hatten sie sich auf einer Sitzbank niedergelassen, ging ein leichtes Vibrieren durch den Schiffsrumpf. Während Gsälzle geistesabwesend sein Köfferchen streichelte, entkorkte Schleckslis eine Flasche Bötzinger Kiebitz und löschte seinen Durst. Die Runde missbilligender Blicke kommentierte er ungerührt mit einem leutseligen Grinsen: „Normalerwiis muesch de Wii sirpfle, nit suffe, aber seller Kerli nebe mir, der macht mich sunsch depressiv.“

Die erste Stunde führte die Überfahrt durch die verhältnismäßig ruhige Emdener Bucht, erst auf offener See wurde es turbulent. Der scharfe Wind war zu einem Sturm angewachsen und das Schiff begann hin- und herzuschlingern. „Oh heiligs Herrgöttle“, stöhnte Gsälzle auf. „Des hot mir grad noch gfehlt!“ „Schissdreck!“, fiel Schleckslis ein und hob die Flasche an seine beeindruckenden Lippen. „Ich brauch frische Luft. Gehen wir hinaus.“, schlug Gsälzle vor und ergriff mit einer Hand den Käferkoffer, mit der anderen haltsuchend Schleckslis Arm. So wackelte das ungleiche Paar durch die Doppeltüre auf den offenen Bug, wo sich sogleich zur Begrüßung ein heftiger Gischtregen über sie ergoss. Gsälzle riss dem Badener die Flasche aus der Hand und trank mit der verzweifelten Gier eines Verdurstenden. Schleckslis packte ihn am Kragen und schrie gegen das Tosen des Meeres an : „Der kleine Schluck im Zug war Ihne doch schon zu viel! Sie vertrage nix! Gleich gehe Sie mit Ihre Käfer über Bord!“ „Meine Käfer“, stammelte Gsälzle und ließ sich willenlos ins Passagierdeck zurück schleifen.

Borkumer Hafen, 21 Uhr 30. Die Reisenden stellten ihre Koffer ab und sahen sich um. Es gab nichts, was auf eine Ortschaft hindeutete. Am gegenüber liegenden Hafenkai stand das einzige Gebäude, ein großer Geräteschuppen. Und vor ihnen: Ein kompletter Eisenbahnzug. Acht nostalgische Platformwagen und davor eine kleine rote Diesellok. Ein Schaffner mit Matrosenmütze nickte den beiden auffordernd zu. „Kommense nur rein, ist noch jede Menge Platz!“, rief er mit stark ostfriesisch gefärbtem Akzent. Schleckslis löste sich aus seiner Verwirrung. „Wo ist denn die Ortschaft?“ Gsälzle kramte in seiner Jackentasche. „Wir müssen zu einem Van-Dykenweg...“ Der Schaffner tippte sich an die Mütze. „So heißt die Haltestelle vor dem Hauptbahnhof.“ „Hauptbahnhof?“ „Jou, Borkum is kein Kuhnest.“ „Fallen die Wagen auch nicht auseinander?“ Besorgter Blick auf Schleckslis Wampe. „Sind vor acht Jahren neu gebaut.“ „Und wer fährt mit so was?“ „Im Sommer bis zu 2000 Passagiere pro Tag.“ „Die sollen da alle reinpassen?“ „Es können noch zwei Züge zusätzlich fahren.“ „Und die stoßen dann zusammen.“ „Die Strecke ist durchgehend zweigleisig.“

Ächzend erklommen der Schwabe und der Badener die offene Plattform eines Wagens, der Schaffner schwang sich auf die gegenüber liegende, ein schriller Pfiff und brummend setzte sich die Lok in Bewegung. Der Zug polterte über einige Weichen und beschleunigte seine Fahrt. Auf der rechten Seite zogen noch einige kasernenähnliche Gebäude vorüber, dann ging es durch ausgedehnte, purpur und weiß blühende Heckenrosenkolonien. Als der Zug das geöffnete Tor eines hohen Schutzdeiches passierte, zuckte Gsälzle zusammen. Am Tor war unübersehbar die Hochwassermarke angeschrieben: 2 Meter 48 über Land. „Geben Sie mir no oin Schluck!“ Die Lok heulte auf und legte noch einen Zahn zu. Die Wagen schlingerten hin und her. „Das Gleis liegt etwas schlecht auf dem feuchten Untergrund.“, tönte es entschuldigend von der anderen Plattform. Grinsend beobachtete der Schaffner, wie sich seine Fahrgäste angstvoll an die Haltestange klammerten.

Eine Viertelstunde später schauten zwei Männer, drei große Koffer, ein Köfferchen und eine Flasche Affentaler Spätburgunder den Rücklichtern des Zuges nach. „U-u-und jetzt?“, lallte Gsälzle. „Da lang.“ Schleckslis zeigte auf das Straßenschild. Hier begann eine Reihe putziger Einfamilienhäuser mit Garten, alle in Ziegelbauweise und sehr gepflegt. Die Reisenden wankten den Gehsteig entlang. „47, 45,43,“,zählte Schleckslis laut, „39, da sind wir!“ Er drückte auf die Klingel am Gartentor. Von drinnen ertönte eine helle Stimme: „Moment, ich komme gleich!“ Gsälzle stützte sich auf einem hölzernen Zaun ab, denn alles begann sich zu drehen. Er riss sich zusammen, versuchte, sich auf die Gartenzwergsammlung im Vorgarten zu konzentrieren – und erstarrte. Ein Seufzer, und das Köfferchen fest umklammernd, ging Robert Gsälzle zu Boden. „So ein Schissdreck!“, blubberte Schleckslis und sah sich hilfesuchend um, dabei blieb sein Blick an einer peitscheschwingenden Domina-Zwergenfrau hängen, gleich daneben ein lüstern feixender, sein niedliches Gemächt entblößender Zwergenmann. Schleckslis Wulstlippen machten ein paar schmatzende Geräusche. Dann prostete er dem liegenden Gsälzle mit der Flasche zu und leerte sie bis zur Neige.

Fortsetzung folgt...


 


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