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Kapitel 7
 

Das Blau, welches sich so glorreich auftat, war das Blau des Apion pomonae, des Metallblauen Spitzmausrüsslers. Es strahlte ihm aus einem über ihm schwebenden, elegant goldrand-bebrillten Augenpaar entgegen und gehörte einer blonden Frau in den Fünfzigern mit Pagenfrisur und klassisch-geraden Gesichtszügen.
„Da ist er ja wieder, der Gute!“ Ihre Stimme klang hell und klar, ein reiner Glockenton.
Gsälzle blinzelte und wurde sich beschämt seiner demütigenden Liegeposition auf einem  blaugeblümten Sofa bewusst. Seine Beine ruhten hochgestreckt auf einem  Kissenstapel, zudem hatte ihm jemand die Krawatte ausgezogen, sowie Hemd und – oh, welche Pein! – die Hose aufgeknöpft. Von links rückte nun ein breiter, gutmütig lächelnder, mit hochgezwirbeltem Schnurrbart und graublond melierter Haartolle ausgestatteter Kopf ins Blickfeld – und gleich daneben gesellte sich der badische Kollege hinzu, dessen Karpfenmaul sich in seltsamen Rhythmen vor-und zurück schob. „Wie ein Fisch auf dem Trockenen“, dachte Gsälzle und setzte sich vorsichtig auf.
Um ihn herum drehte sich ein geräumiges, blau-weißes Wohnzimmer: dunkelblaue Sessel jagten gestreifte Tapeten, gleich dahinter tanzte ein großer Geschirrschrank und zog einen Schwarm sepiabrauner Familienfotos hinter sich her.
Von der Seite drang wieder die blonde Glockenstimme des Metallblauen Spitzmausrüsslers an sein Ohr. „Na, Sie haben uns ja einen schönen Schrecken eingejagt! Sie brauchen jetzt erst mal einen steifen Grog, er ist gleich fertig... Ach ja, willkommen im Haus Jette. Ich bin Jette Akkermann !“ Sie packte seine schlaffe Hand.  “Und dieser nette Herr ist Doktor Hubertus Schweinshofer aus München, ebenfalls ein Gast.“ Sie entschwand, vermutlich in Richtung Küche.
„Grüß Gott“, nickte der ockergelbe Schnauzer, im Ton unverkennbar bayrisch, wie auch die riesige Pranke, die Gsälzles Handknochen kurz aber schmerzhaft zusammenquetschte.
Frau Akkermann erschien und stellte eine große, dampfende Teetasse auf dem Beistelltischchen neben dem Sofa ab. Ein kräftiges Rumaroma stieg Gsälzle in die Nase, als er vorsichtig die heiße Tasse an die Lippen hob. Schleckslis beobachtete ihn interessiert. „Hen Sie des öfters, dass Sie so einfach umfalle?“ Gsälzle schlürfte genüsslich seinen Grog. „Noi, aber die Schaukelei und dann der Alkohol...“
Schleckslis klopfte sich auf die speckigen Schenkel. „Suffe, aber nix vertrage, des hab i gern!“, höhnte er. Er wurde von Frau Akkermann unterbrochen. „So, ich zeige Ihnen jetzt Ihr Zimmer, da können Sie sich von der anstrengenden Reise erholen.
Ihr Gepäck ist schon oben.“ „Meine Käfer!“, Gsälzle versuchte mit zittrigen Fingern seine Kleidung zu ordnen. Schleckslis erhob sich, klemmte sich den Schwaben unter den Arm und nickte dem Bayern freundlich zu: „Zitt zum Schlofe! Schließlich haben wir noch einiges vor auf dieser Insel.“ Gsälzle zischte böse, doch Schleckslis achtete nicht darauf. „Gute Nacht, Herr Schweinsgruber!“ Der Bayer neigte lächelnd den Kopf. „Schweinshofer, nicht -gruber“. Man sieht sich.“ Er sah ihnen nach, als sie durch die Tür neben dem Geschirrschrank ins Treppenhaus gingen.
Am Treppenaufgang schmückte ein hinter Glas gerahmter Familienstammbaum die Wand, darunter eine geschnitzte wurmstichige Holztruhe, deren Deckel ein Wappen mit drei Hirschstangen zeigte. Gsälzles benebelter Blick blieb kurz darauf hängen, dann zerrten ihn Frau Akkermann und Schleckslis die Treppe hoch. Ein schmaler Gang mit vier Türen tat sich auf. Die Gastgeberin öffnete die erste Tür rechts.
„Das wäre Ihr Zimmer.“
„Wir beide in einem Zimmer?“, schrillte Gsälzle, schlagartig ernüchtert. Sie zwinkerte ihm zu. „Das hat ein Doppelzimmer so an sich, nicht? Die Dame von Ihrem Ministerium hat darauf bestanden, wohl aus Kostengründen. Trotzdem eine gute Nacht, Ihnen beiden!“ In der Tür drehte sie sich noch einmal um. „Bad und WC sind im Gang hinten links, Frühstück gibt’s um halb neun.“
„Gott steh mir bei!“, jammerte Gsälzle.
„So ein Schissdreck.“, ergänzte Schleckslis.
„Müsset Sie des immer sage!“, fuhr ihn Gsälzle an. „Und wehe, Sie schnarchen!“
Schweigend kramten nun beide ihre Schlafanzüge hervor.
„Sie sind ein sehr unfreundlicher Mensch“, stellte Schleckslis fest, als er sich auf das linke Bett fallen ließ. „Aber es ist ja bekannt, dass die Sauferei den Charakter ungut verändert.“
„Licht aus!“, schallte es vom gegenüberliegenden Bett herüber. Schleckslis gehorchte resigniert und fiel bald in den Schlaf des Gerechten.  Eines Gerechten, der seine Rechtschaffenheit in wiederkehrenden Zyklen als pfeifender Dampfkessel in die Welt entließ, dann als brünstiger Hirsch hinausröhrte, um sie endlich im verzweifelten Röcheln eines Erstickenden verebben zu lassen. Gsälzle hörte sich dies eine Weile an, dann packte ihn das Grauen. Immer noch unsicher auf den Beinen, umflattert vom viel zu großen gestreiften Schlafanzug, schlich er sich an das tobende Ungeheuer heran und rüttelte energisch eine fleischige Schulter. Plötzlich Stille.
Er lauschte noch eine Weile in die Dunkelheit. Nichts. Erleichtert trippelte er zum Bett zurück, wo er völlig erledigt auf sein Kissen sank. Da! Das Bett auf der anderen Seite knarrte, ein Keuchen und schwere Schritte Richtung Fenster. Schleckslis riss beide Fensterflügel auf. Gsälzle fuhr hoch. „Sie wollet doch net ernsthaft nachts des Fenster offelasse!“
„Wieso sind sie denn noch wach?“ Schleckslis klang verwundert. „Sind Sie nit müd?“
„Sie schnarchen!“ Gsälzle fühlte Bitterkeit in sich aufsteigen.
„Ich schnarche nie. Und ich brauch frische Luft, in Ihrem Käfermief erstick ich noch!
Oder haben Sie Angst, dass jemand Ihre Viecher stiehlt?“
„Noi, aber ich vertrag koin Zug!“ Gsälzle glaubte, bereits ein leichtes Halskratzen zu verspüren.
„Sie sind heut schon so viel Zug gfahre, da macht des auch nix mehr aus.“, spöttelte Schleckslis.
„Wenn Sie des Fenster offe lasset, mach ich meinen Käferkoffer auf!“ Gsälzle hatte seine Trompetenstimme wiedergefunden. Mit einem Knall flog das Fenster zu.

Fortsetzung folgt


 


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