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Vagabundierende Blicke ins All-Einssein
 

„Zugvogel mit gestutzten Flügeln“ – so ist der neue Gedichtband der 83-jährigen Nürtinger Lyrikerin Johanna Mückain überschrieben, der in diesem Frühjahr in der Wiener Privatedition „Der Brunnen“ erschienen ist. Der Titel ist Programm, denn Mückain weiß um ihre Gebundenheit an die Erde, zugleich zieht ihr dichterischer Geist sie aber in die Ferne, die manchmal ganz nah sein kann.

In dem Gedicht „Glück“ beschreibt sie diese Situation treffend: Das lyrische Ich geht hier „erdverwoben“ auf einem Gratweg entlang, doch „der blick ein vagabund / befreit sich vom // gratweg und eilt / über hügel und täler // zieht durchs blau / beginnt zu schweben“.

Diesem schwebenden, diesem dichtenden Blick entgeht nichts – auch nicht die unscheinbaren Dinge: weder ein über eine Wiese gewobenes Spinnennetz „bestickt mit nebelperlen“ noch „in der luft ein glockenton“.

Letzterer Vers ist zugleich der Titel eines zweiten Gedichtbändchens, das zugleich mit dem ersten im selben Verlag erschienen ist. Mückain hat die kurzen Gedichte dieses zweisprachigen Bandes auch ins Italienische übersetzt, in Italien hat sie nämlich viele Jahre gelebt – im Apennin, um genau zu sein.

Und eben in diese Gebirgsgefilde führen sie Erinnerungen immer wieder zurück – vor allem nach dem Tod ihres Lebensgefährten, mit dem sie dort gelebt hat: „alles erinnert an ihn / der aus der zeit ging“.

Ein ganzer Gedichtzyklus ist der damit verbundenen Trauer gewidmet: Bis ein Jahr nach diesem Verlust hat Mückain immer wieder Gedichte verfasst, in denen sie des verstorbenen Gefährten gedenkt und ihren Trauerprozess reflektiert: von der Unfasslichkeit des Verlustes bis zu dem Moment, in dem sie ihr Einverständnis erklärt.

Am Ende des Trauerjahres sitzt sich die Dichterin nämlich im Lesesessel des Verstorbenen und kommt – Vergil erinnernd – zu der beglückenden Einsicht: „du bist nicht weg / bist hineingestorben / in mich // auferstanden / in ein neues sein“.

Das letzte Gedicht dieses Zyklus endet natur-, letztlich existenzphilosophisch: „blühen und welken / geboren werden / und sterben // in der unendlichkeit / lob der endlichkeit // auch wenn sie mir gilt“.

Vor allem diese Abschiedsgedichte zeigen, wie nah für die Dichterin sich Tod und Liebe stehen, ja, wie letzere erstere überdauert. So verwundert es auch nicht, dass die Liebe, zumal die erotische, in vielen anderen Gedichten zumindest anklingt:

Die persönliche Beziehung wird in „Du am Telefon“ gar kosmologisch überhöht: Denn das Lachen und das wortlose Locken des Du wird hier zum „blühen / im frühling / wenn der himmel / die erde umarmt“.

Auch Natürliches scheint purer Eros zu sein: „knospen erröten / im flirt mit der / kalten sophie“ heißt es beispielsweise in „Der Apfelbaum“ und die Hummel , angezogen von lüstern roten Kelchen und ins Süße drängend, „taumelt brummt / zur nächsten / lust“.

In dem Poem „Stuttgart 21“ nähert sich die Nürtinger Dichterin sogar einem sehr politischen Thema. In einem anderen geißelt sie die Gier, „die sich ausbreitet weltweit // zerfrisst den reinen atem / der natur nährt kriege entwurzelt / menschen ganzer kontinente“. Als tragender Grund sind aber immer wieder auch östliche Einsichten eingeflochten: „im lied der flöte von Rumi / dem lied der trennung // erkenne ich seine weise / das all-einssein“. 

Die beiden Gedichtbände von Johanna Mückain „Zugvögel mit gestutzten Flügeln“ und „In der Luft ein Glockenton“ sind zu beziehen über www.derbrunnen.at.

Thomas Oser

 


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